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Zeichenkunst : Die Wunderwelt des Pieter Holsteijn

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Nashornkäfer und seine Freunde: Pieter Holsteijns 16,1 mal 20,8 Zentimeter große Zeichnung ist verkauft, für 125 000 Euro. Bild: Daxer & Marschall

Was läuft denn da? Pieter Holsteijn zeichnete im Haarlem des siebzehnten Jahrhunderts wundersam detailreich Insekten. Wer will da noch unterscheiden, wer hier lebendig und wer Kunstwerk ist?

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          Was auf dieser Seite zu sehen ist, sind Versatzstücke einer fast vollkommen versunkenen Welt, Schätze, die umso mehr glitzern und funkeln, je weiter die Zeit entrückt, aus der sie stammen. Vielleicht sollte man sich zuerst vorstellen, was es alles nicht gab, als Pieter Holsteijn der Jüngere (1614 bis 1673) im Haarlem des 17. Jahrhunderts seine Insekten und den Pfeilschwanzkrebs malte, die jetzt im neuen monothematischen Katalog der Galerie Daxer & Marschall zu bestaunen sind: Es gab keine Fotografie, kein Internet, keine Pauschalreisen, keine Tierfilme, keine öffentlichen Museen, keine Documenta, keine Biennale und schon gar nicht die Vorstellung, dass Kunst den Betrachter hinterfragen solle, seinen Kunstbegriff, seine Wertvorstellungen, seine Erwartungshaltung. Kurzum: Die Kunst, die Holsteijn schuf, hatte nichts mit dem zu tun, was wir heute Kunst nennen. Unser Kunstbegriff ist das Erbe der Nachkriegszeit, als man hoffte, man könne im Schutz des öffentlichen Museums mit Kunst, die aneckt, eine Kultur der Toleranz schaffen. Über eine solche Idee hätte Pieter Holsteijn sicherlich sehr gestaunt.

          Aufmüpfig: Kohlweißlinge von Pieter Holsteijn gibt’s als Paar für 25 000 Euro
          Aufmüpfig: Kohlweißlinge von Pieter Holsteijn gibt’s als Paar für 25 000 Euro : Bild: Daxer & Marschall

          Was gab es in Pieter Holsteijns Welt? Es gab Haarlem, die Niederländische Ostindien-Kompanie, die Niederländische Westindien-Kompanie, Handelswege, Warenströme, Kolonien, Sklaven, Gummiarabicum, Tulpenzwiebeln, Kunstkammern und Maler, die ihr Handwerk tagtäglich so versessen ausübten wie heute vielleicht noch Weltklassesprinter, die für den perfekten Hundert-Meter-Lauf trainieren. Jede Linie, jeder Strich musste sitzen, in jedem Bild steckten Stunden von Konzentration, Hingabe und Fleiß. Pieter Holsteijn und sein gleichnamiger Vater wurden beide 1634 in die Haarlemer Lukasgilde aufgenommen, sie stellten ihre Farben selbst her, die Pigmente, die Lösungs- und die Bindemittel.

          Lebendes Fossil: Pieter Holsteijn hat einen Pfeilschwanzkrebs nie lebend gesehen. Gezeichnet hat er ihn trotzdem. Das Blatt hat 60.000 Euro gekostet.
          Lebendes Fossil: Pieter Holsteijn hat einen Pfeilschwanzkrebs nie lebend gesehen. Gezeichnet hat er ihn trotzdem. Das Blatt hat 60.000 Euro gekostet. : Bild: Daxer & Marschall

          Was wollten sie mit ihrer Kunst? Verblüffen, überzeugen, preisen. Einen lebenden Pfeilschwanzkrebs hat Pieter Holsteijn, der Haarlem nie verließ, nicht gesehen, sie bevölkern die Küsten an der amerikanischen Atlantikküste und in Südostasien. Durch ihre Körper fließt blaues Blut, auch davon wird Holsteijn nichts gewusst haben, noch weniger von den insgesamt neun Augen, die über den ganzen Körper verteilt sind, zwei davon, die großen Facettenaugen, sieht man in seinem Gemälde.

          Das große Krabbeln: Pieter Holsteijn hat sich als Maler auf Insekten spezialisiert. Dieses Blatt kostet 115 000 Euro.
          Das große Krabbeln: Pieter Holsteijn hat sich als Maler auf Insekten spezialisiert. Dieses Blatt kostet 115 000 Euro. : Bild: Daxer & Marschall

          Was Pieter Holsteijn aber wusste, war, wie man einen Panzer mit Gold und Gummiarabicum zum Leuchten bringt, sei es, den eines Pfeilschwanzkrebses oder den eines Käfers. Spezialisiert hatte er sich auf Tulpen und Insekten, manche Tiere, die er malte, lagen vielleicht als Präparate vor ihm, zum Beispiel der Pfeilschwanzkrebs, der in den fürstlichen Kunstkammern als begehrtes Sammlerstück galt. Einige andere Tiere kannte er wohl eher aus Abbildungen, etwa das Wiener Nachtpfauenauge, das in vielen Details einer älteren Darstellung von Joris Hoefnagel gleicht, wie die Kunsthistorikerin Thea Vignau-Wilberg im Katalog der Galerie ausführt.

          Tropische Schönheit: Blauer Morphofalter mit geschlossenen Flügeln
          Tropische Schönheit: Blauer Morphofalter mit geschlossenen Flügeln : Bild: Daxer & Marschall

          Vor knapp vierhundert Jahren schuf Pieter Holsteijn seine Werke, er konnte nicht ahnen, dass es eines Tages Phänomene wie „Konzeptkunst“ geben könnte, bei der es mehr auf die Idee, das Konzept, ankommt als auf die Frage, wer, wie lange daran arbeitete. Der Witz von Holsteijns Kunst lag in der Ausführung und nur darin: Die Natur galt als das große Meisterwerk Gottes, jedes Tier, jede Pflanze offenbarte seinen erhabenen Erfindungsreichtum, seinen Geschmack, sein Geschick. Alles schien vollkommen eingerichtet, und an dieser Perfektion maßen sich die Künstler. Käfer, Grillen, Schmetterlinge zu malen war ein Wettbewerb der Detailgenauigkeit, ein Überbietungsgefecht der Beobachtungsgabe. Mit Verblüffung und Bewunderung schauen wir nun, nachdem das Wissen dieser Maler fast ganz verlorengegangen ist, auf diese Werke zurück.

          Stets zu Diensten: Laternenträger, 16,6 mal 21,1 Zentimeter klein, für 45 000 Euro
          Stets zu Diensten: Laternenträger, 16,6 mal 21,1 Zentimeter klein, für 45 000 Euro : Bild: Daxer & Marschall

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