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Aus dem ZADIK : Am Anfang war das Nichts

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Geschichte einer schönen Annäherung: Wie Deutschland, Frankreich und das Informel zusammenfanden, erzählt eine Ausstellung des Internationalen Zentralarchivs für Kunsthandel auf der Art Cologne.

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          Malen auf Asche und Ruinen“: So umschrieb Iaroslav Serpan, einer der französischen Vertreter des Informel, das Gefühl einer Künstlergeneration, die nach den Schrecken von Diktatur und Krieg einen künstlerischen Neuanfang mit einer abstrakten, gestischen und spontanen Malweise in Europa beginnen wollte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war es für die Künstler in Deutschland nicht einfach, den Anschluss an die internationale Kunstszene zu finden. Die Reisebedingungen waren in den Besatzungszonen bis 1948 sehr eingeschränkt, und Reisen ins europäische Ausland waren nur mit einer Sondererlaubnis möglich.

          Eine der Schlüsselfiguren für die Kontakte zu ausländischen Künstlern war K.O. Götz, der schon früh im Besitz eines der noch seltenen Reisepässe war und diese Möglichkeit nutzte: „Ich fühlte mich euphorisch, weil wir endlich aus der Hitler-Diktatur in eine freie Welt ausreisen konnten.“ So konnte Götz auch 1949 der Einladung des damaligen Direktors des Stedelijk Museums, Willem Sandberg, folgen und die erste Ausstellung der CoBrA-Gruppe, die „Première Exposition Internationale D'Art Experimental“ in Amsterdam besuchen; Götz wurde einziges deutsches Mitglied von CoBrA. Als Forum für den innereuropäischen Dialog gab K.O. Götz von 1948 bis 1953 die selbstfinanzierte Zeitschrift „META“ für experimentelle Kunst und Poesie heraus, eine der ersten Kunstzeitschriften im Nachkriegsdeutschland: „Ich wollte dazu beitragen, dass Deutschland (West) kulturell wieder salonfähig wird. Die META sollte eine Brücke zwischen Deutschland (West) und anderen freien Ländern bilden.“

          Neben den Künstlern eröffneten wagemutige Privatpersonen erste Ausstellungsmöglichkeiten für die neue abstrakte gestische Malerei - wie 1949 der Architekt Rolf Jährling in einem Lagerhaus im noch kriegszerstörten Wuppertal und im selben Jahr der Versicherungsangestellte Klaus Franck in seiner Frankfurter Zweizimmerwohnung, der sogenannten „Zimmergalerie Franck“. In seinen beiden Räumen fand 1952 die legendäre Quadriga-Ausstellung mit Werken von K.O. Götz, Otto Greis, Heinz Kreutz und Bernard Schultze statt, die eine katalysatorische Bedeutung hatte; denn sie verhalf dem Informel zum internationalen Durchbruch.

          Ein wichtiger Mentor für die informelle Kunst wurde von 1957 bis 1960 Jean-Pierre Wilhelm mit seiner Düsseldorfer „Galerie 22“, die er mit Unterstützung von Manfred de la Motte führte. Als Sohn eines jüdisch-deutschen Kaufmanns hatte Wilhelm 1949 die französische Staatsbürgerschaft angenommen, lebte in Paris als Schriftsteller und Übersetzer und pendelte zwischen Paris und Düsseldorf. Vor allem die rheinischen Privatgalerien entwickelten sich zu einer der lebendigsten Kunstszenen in Europa. Ihnen kam eine wichtige Rolle zu in der Vermittlung zwischen der modernen, ungegenständlichen Kunst und einem an gegenständlich gemalte Bilder gewöhnten Publikum, das erst noch für die abstrakte Kunst gewonnen werden wollte.

          Ein erster deutsch-französischer Brückenschlag im Jahr 1956

          Zum Nachbarland Frankreich war die Ausgangslage nicht unbefangen, die deutsche Besatzung war noch sehr präsent. In Deutschland war man gerne bereit, die französischen Künstler kennenzulernen, die Hochachtung vor der École de Paris war groß. Zu den frühesten Zentren für den deutsch-französischen Kulturaustausch und für das deutsche Informel zählte die Wuppertaler Galerie Parnass: Sie war Anlaufstelle französischer Avantgardekünstler im Rheinland und Treffpunkt des deutschen Informel. Von 1954 bis 1958 fanden dort erste Einzelausstellungen von Peter Brüning, Rolf Cavael, Karl Fred Dahmen, Gerhard Hoehme, Hans Platschek, Bernard Schultze, Emil Schumacher, Iaroslav Serpan oder Wols statt; sie wurden stets von Kunstkritikern und -theoretikern eröffnet, manchmal übertrug der Galerist Rolf Jährling den Kritikern die Auswahl der Künstler, oder sie boten ihm ein Ausstellungskonzept an.

          Mit Hilfe von Jean-Pierre Wilhelm wurde 1956 die Ausstellung „Poème Objet“ umgesetzt. Aus Deutschland und Frankreich wurden Ausstellungsstücke von rund fünfzig Künstlern angefragt, wie eine umfangreiche Korrespondenz im Zentralarchiv belegt. Mit dieser Präsentation bei Parnass geschah der erste Brückenschlag von den der informellen Kunst zugrundeliegenden, abstrakten und surrealistischen Wurzeln - also von Künstlern wie Max Ernst und Hans Arp - hin zur zeitgenössischen Avantgarde wie Brüning, Fürst, Gaul, Götz und Hoehme.

          Höhepunkt der deutsch-französischen Begegnungen bei Parnass war das Jahr 1958: Jährling lud französische Kritiker mit ihrer Künstlerauswahl ein. Im Januar brachte Michel Ragon „Vier Maler aus Paris“ mit: Martin Barré, Huguette A. Bertand, James Guitet und John Koenig. Im März stellte der Kritiker, Kurator und Sammler Michel Tapié die Künstlerin Ruth Francken erstmals in Deutschland vor: Tapié hatte den Begriff „Informel“ geprägt, den er 1950 auf Arbeiten von Wols und 1951 im Ausstellungstitel „Signifiants de L'Informel“ im Studio Facchetti in Paris anwandte. Am Tag nach der Ausstellungseröffnung paraphrasierte Tapié in einem dreistündigen Diavortrag seinen Essay „Un art d'autre“, der nach seiner Veröffentlichung 1952 zum retrospektiven Manifest des Informel werden sollte.

          Zur Eröffnung spricht K. O. Götz

          Eine besondere Freundschaft verband K.O. Götz mit Edouard Jaguer: Der international agierende Dichter, Maler und Kunstschriftsteller gab zahlreiche Publikationen heraus und war von 1949 bis 1951 französischer Redakteur der Zeitschrift „CoBrA“. Von 1950 an arbeitete er gemeinsam mit K.O. Götz an Ausstellungen im deutsch-französischen Austausch, wie Götz sich erinnert: „Mein Verlegen von META und meine Aufnahme in der CoBrA-Gruppe waren das Verbindungsglied zwischen Jaguer und mir. Wir bekamen schnell Kontakt zueinander und wurden gute Freunde, weil er keine Ressentiments gegen mich als Deutschen, als ehemaligen Feind im Zweiten Weltkrieg hatte. Ich besuchte ihn und seine Frau Simone bis Ende der sechziger Jahre regelmäßig zu Hause in Paris, was ja in Frankreich immer ein großer Vertrauensbeweis und eine Auszeichnung für einen Besucher war.

          Außerdem begegneten wir uns manchmal bei den Treffen der Surrealisten, die André Breton, seit 1946 aus dem Exil wieder in Paris, im Café Les Deux Magots veranstaltete.“ Im Dezember 1958 sollte Jaguer in der Galerie Parnass die Ausstellung der Künstlergruppe „Phases“ eröffnen, für die er sich stark einsetzte. Da er aber verhindert war, bat er seinen Freund Götz, die Eröffnungsrede zu halten. Umgekehrt verschaffte Edouard Jaguer den deutschen informellen Künstlern Ausstellungen in den Pariser Galerien Raimond Creuze, Daniel Cordier, René Drouin und im Studio Paul Facchetti. K. O. Götz, später Lehrer von Künstlern wie Gerhard Richter und Sigmar Polke, hatte Jaguer viel zu verdanken, wie er 1959 anlässlich seiner Berufung zum Professor an die Düsseldorfer Kunstakademie ausführte: „Ich übertreibe nicht, wenn ich euch sage, dass ohne die Jahre von Jaguers Aktivität, einer Aktiviät, die auch meinen Namen einschließt, ich nicht da wäre, wo ich jetzt bin.“

          Der beispielhafte Einsatz und die Initiative von Privatpersonen, Künstlern und Kritikern haben dafür gesorgt, dass sich in Deutschland nach 1945 ein Netzwerk von Kontakten und eine kulturelle Infrastruktur aufbauen konnten. Die Pionierarbeit der Galerien der ersten Stunde wie der Galerie Parnass und der Zimmergalerie Franck schuf die Voraussetzungen für die künstlerische Avantgarde: Sie ermöglichten den Künstlern den notwendigen ersten oder zweiten Schritt in die Öffentlichkeit und waren die Wegbereiter für viele, heute international erfolgreiche Künstler.

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