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Susanne Gaensheimer im Gespräch : Warum soll die Kunst nicht in einen Wolkenkratzer ziehen?

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Susanne Gaensheimer am Eingang der neuen Dependence Bild: dpa

Hier gab es das bisher nicht: Das MMK eröffnet eine Zweigstelle in einer Büroetage im Frankfurter Bankenviertel - ist das die Zukunft der Kunstförderung? Susanne Gaensheimer verweist auf asiatische Gepflogenheiten.

          Im Oktober eröffnen Sie eine neue Zweigstelle, das MMK2, im Taunus Turm der Immobilienfirma Tishman Speyer. Der Vertrag sieht eine zunächst auf zehn Jahre begrenzte Nutzung vor. Ist das ein Verrat an der Museumsidee?

          Nein, ist es nicht. Das MMK 2 ersetzt nicht das von Hans Hollein errichtete Hauptgebäude in der Domstraße, sondern wir bekommen 2000 Quadratmeter Fläche hinzu. Diese Fläche wollen wir ausschließlich zur Präsentation unserer Sammlung nutzen, und zwar in halbjährlichem Wechsel. Unseren musealen Aufgaben wie dem Sammeln, Bewahren und Forschen werden wir nach wie vor in gleichem Umfang nachgehen - nur für das Ausstellen haben wir jetzt mehr Platz. Außerdem ist es wichtig, zu erkennen, dass sich die Zeiten verändert haben. Ein Museumsneubau für mehrere zehn Millionen Euro wäre nicht denkbar gewesen. Das ist ja nicht nur in Frankfurt der Fall. Daher müssen wir flexibler werden und über neue Formen der Museumsarbeit nachdenken.

          Was wollen Sie in den Räumlichkeiten zeigen?

          Das MMK 2 soll dazu dienen, wechselnde Ausstellungen zu zeigen, die wir ausschließlich aus dem großen und facettenreichen Pool der Sammlung des MMK zusammenstellen. Dabei werden wir uns hier vor allem auf die aktuellen Themen und die jüngeren Werke konzentrieren. Dadurch sind wir endlich in der Lage, die Meisterwerke der Sammlung, wie etwa die Werkgruppen von Andy Warhol, Blinky Palermo, Alighiero Boetti, Hanne Darboven oder On Kawara, um nur einige Beispiele zu nennen, im Hauptgebäude, dem MMK 1, zu präsentieren.

          Ein Museum zeigt seine Sammlung auf einer Hochhausetage, zwischen Büros und Wohnungen. Für Deutschland ist das eine Premiere. Gibt es Vorbilder in anderen Ländern?

          In der westlichen Kunstwelt gibt es das tatsächlich weniger. Hier kennt man eher die Umwandlung von riesigen Industrieanlagen in Kunst- oder Museumsräume. Gerne auch Bahnhöfe. Die Unterbringung von Ausstellungsräumen in Unternehmenshochhäusern ist eher in Japan und Korea üblich, hier werden die Museen, die meist von den führenden Unternehmen des Landes gegründet und finanziert werden, häufig in den firmeneigenen Gebäuden untergebracht. Doch in den sogenannten Schwellenländern wie Indien oder China, in denen es wenig oder gar kein öffentliches Geld für die Kunst gibt, entstehen tatsächlich private Museen in Bürogebäuden oder auch Shopping Malls.

          Wie fast alle Häuser hat auch das MMK keinen festen Etat für Ausstellungen oder Neuankäufe. Wie groß sind die Abhängigkeiten von privaten Geldgebern?

          Wir finanzieren den gesamten Etat für den Ausbau der Sammlung und den überwiegenden Teil für Ausstellungen und Veranstaltungen inklusive der Kunstvermittlung durch Drittmittel. Dies sind zum einen Gelder von Wirtschaftsunternehmen und Privatpersonen, zum anderen von privaten oder öffentlichen Stiftungen. Die Stadt Frankfurt finanziert den gesamten infrastrukturellen Haushalt und trägt auch in nicht geringem Umfang zum Programm bei. Natürlich sind wir von all jenen abhängig, die zur Finanzierung des Museums und seines Programms beitragen, ob privat oder städtisch beziehungsweise staatlich.

          Es wäre ahistorisch, zu glauben, dass die Vermengung von privaten und öffentlichen Geldern neu ist. Nehmen Sie das Folkwang Museum in Essen oder das Städel Museum hier in Frankfurt, beide gehen auf Bürgerstiftungen zurück. Nur: Die Zeiten, in denen Museen überwiegend von festen öffentlichen Etats finanziert wurden, sind vorbei, und der Zwang, einen erheblichen Anteil mit privat erwirtschafteten Geldern zu finanzieren, wird immer größer. Mit dieser neuen Abhängigkeit müssen wir sehr sorgfältig umgehen, die inhaltliche Freiheit des Museums muss um jeden Preis gewahrt werden.

          Die öffentlichen Zuwendungen für die Museen schrumpfen, die privaten nehmen zu. Verändert sich gerade in Deutschland das Fördersystem?

          Wir befinden uns in Europa gerade in einer Phase des Umbruchs, in der sich die Vorzeichen der Kulturförderung radikal verändern. Dies betrifft Deutschland besonders stark. Es wäre naiv, zu glauben, dass wir jemals wieder in eine Situation zurückfinden, in der der größere Teil des Museumsetats von der öffentlichen Hand getragen wird. Deswegen müssen wir unsere Situation sehr genau analysieren und neue Strukturen für die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Trägern finden, um die einzigartige Vielfalt und Qualität der Kultur in Deutschland auch in der Zukunft zu erhalten. Jeder muss hier Verantwortung übernehmen.

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