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Krebsforscher Otmar Wiestler : „Jeder Zweite wird geheilt“

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Otmar Wiestler Bild: picture alliance / ZB

Seit fünfzig Jahren gibt es das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Der Vorstandsvorsitzende Otmar Wiestler bricht eine Lanze für die Pharmaindustrie.

          Seit fünfzig Jahren gibt es das Deutsche Krebsforschungszentrum, eines der größten seiner Art in der Welt. Sein Motto heißt „Forschen für ein Leben ohne Krebs“. Wann sind Sie am Ziel?

          Wir können in Deutschland inzwischen jeden zweiten Krebspatienten heilen, die Fortschritte sind also erheblich. Aber für Lungenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und schwarzen Hautkrebs sind die Prognosen nach wie vor schlecht. Da geht es in den kommenden zwanzig Jahren weniger um Heilung, sondern um die Kontrolle der Krankheit über lange Zeit – also darum, dass die Patienten zehn oder fünfzehn Jahre gut mit dem Tumor leben können.

          Welche Therapieansätze halten Sie für besonders aussichtsreich?

          Wir brauchen vor allem solche Medikamente, die gezielt in die für das Tumorwachstum entscheidenden Signalwege eingreifen. Etwa hundert solche Wirkstoffe befinden sich zurzeit in der Entwicklung, und es werden noch viel mehr werden. Sehr großes Potential haben auch die verschiedenen Ansätze zur Immuntherapie, weil sie unser körpereigenes, sehr effizientes Abwehrsystem nutzen. Entscheidend ist schließlich, dass mit der Genomsequenzierung von Tumoren der Einstieg in die personalisierte Medizin begonnen hat. Wir können inzwischen das gesamte Erbgut analysieren und die individuelle Krebserkrankung viel besser beurteilen.

          Welche Rolle spielt die Pharmabranche in diesen Bemühungen?

          Eine zentrale Rolle. Wir können die Grundlagenforschung leisten, aber nicht die Entwicklung von Arzneimitteln vorantreiben. Dafür brauchen wir Partner aus der Industrie. Das DKFZ beispielsweise arbeitet in Allianzen mit Bayer, Roche und Siemens zusammen.

          Deren Produkte kosten am Ende aber viel Geld. Halten Sie die Preise für Krebspräparate für angemessen?

          Man darf die Industrie nicht einseitig geißeln. Zum einen dauert es sehr lange, etwa fünfzehn Jahre, bis ein Wirkstoff von der ersten Beschreibung bis zur ersten Prüfung an Patienten gelangt. Zum anderen ist die Ausfallrate in der Krebsmedizin auch in der späten Entwicklungsphase noch sehr hoch, was das Geschäft riskant macht. Außerdem bedeutet der Trend zur stärker individualisierten Therapie, dass der Markt für jedes einzelne Präparat kleiner wird.

          Wie lange kann das Gesundheitssystem die steigenden Kosten noch tragen?

          Diese Diskussion halte ich für übertrieben. Kein anderes Gesundheitssystem, das ich kenne, ist so effizient wie das deutsche. Dass die Krankenkassen zurzeit Überschüsse erzielen, obwohl die Bevölkerung älter wird, ist doch erstaunlich! In der Onkologie schmerzt mich in dieser Hinsicht vor allem, dass wir viele Patienten mit Chemotherapie oder Bestrahlung behandeln, obwohl wir wissen, dass nur ein kleiner Teil von ihnen überhaupt darauf ansprechen wird. Aber noch fehlen uns die Biomarker, um das im Vorhinein herauszufinden.

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