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Kommentar : Wunderheiler für Karstadt-Quelle

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Nicht jeder, der in ostdeutsche Supermärkte investiert hat, ist schon ein Einzelhandelsexperte. Wie viele andere Bundesbürger hat der Privatmann Thomas Middelhoff mit einer solchen Geldanlage eine herbe Enttäuschung erlebt. Gleichwohl wird ihm niemand Verkaufstalent absprechen.

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          Nicht jeder, der in ostdeutsche Supermärkte investiert hat, ist schon ein Einzelhandelsexperte. Wie viele andere Bundesbürger hat der Privatmann Thomas Middelhoff mit einer solchen Geldanlage eine herbe Enttäuschung erlebt. Gleichwohl wird ihm niemand Verkaufstalent absprechen. Middelhoff hat Gespür für Märkte, zehrt von internationalen Erfahrungen und ist ständig voller Ideen. Nicht zuletzt weiß er auch sich selbst in Szene zu setzen. Jetzt soll der frühere Bertelsmann-Chef, der sich in der Frage eines Börsengangs mit seinem Patriarchen Reinhard Mohn im Juli 2002 entzweit hatte, als Aufsichtsratsvorsitzender zusammen mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden Christoph Achenbach dem Einzelhandelskonzern Karstadt-Quelle frisches Leben einhauchen. Die Frage ist: Können die das?

          Die Voraussetzungen sind denkbar ungünstig. Achenbach, dessen Vorgänger Wolfgang Urban unter dem Druck von Großaktionärin Madeleine Schickedanz (Anteil von 36,4 Prozent) weichen mußte, und Middelhoff finden ein Unternehmen vor, das in einem schweren Verteidigungskampf die Richtung verloren hat. Im vergangenen Jahr brach der Vorsteuergewinn bei einem nahezu stabilen Konzernumsatz von gut 15 Milliarden Euro um nicht weniger als 30 Prozent ein. Der Aktienkurs beträgt nur noch 40 Prozent des Wertes von Anfang 2002. Überall knirscht es: vor allem bei den Warenhäusern, aber auch im Versandhandel und bei der 50-Prozent-Tourismusbeteiligung Thomas Cook. Manche behaupten, binnen eines halben Jahres wären im Karstadt-Quelle-Konzern sowieso tiefgreifende Änderungen unvermeidbar gewesen - unter welcher Führung auch immer. Die Schwierigkeiten bei Karstadt-Quelle reichen weit über das Zahlengerüst hinaus. Der langjährige Vorstandsvorsitzende Walter Deuss hatte Karstadt in einer Weise geprägt, die unter einer zentralistischen Führung deutliche Züge von Beamtenmentalität aufwies. Diese wirkt bis heute nach.

          Im Gegensatz zu dem Konkurrenten Metro (mit Kaufhof) hängt Karstadt-Quelle viel stärker vom Inlandsgeschäft ab; der Kauf von Hertie Ende 1993 war auch unter diesem Aspekt eine Fehlinvestition. Die jüngere Vergangenheit brachte keine Erleichterung, im Gegenteil. Der zuletzt immer kräftigere Abwärtssog ist eingebettet in eine seit zwei Jahren miserable Einzelhandelskonjunktur. Der Verlauf dieses Jahres bestätigt den Trend: Im Mai fiel der Umsatz der Branche gegenüber dem Vorjahr um mehr als fünf Prozent. Das Minus im Versandhandel von gut 15 Prozent muß sogar als Katastrophe bezeichnet werden. Die Bilanz für die ersten fünf Monate fällt mit real minus 1,8 Prozent ebenfalls enttäuschend aus. Aus der Konjunktur zumindest kann der Einzelhandel vorerst keinen Nährstoff saugen.

          Karstadt-Quelle muß sich selbst aus dem Sumpf ziehen. Ehe überhaupt an eine Vorwärtsstrategie zu denken ist, sind Strukturen zu bereinigen, Kosten zu senken und Leerlauf auszumerzen. Die meisten Maßnahmen bleiben vorerst im Dunstkreis der Gerüchte. Berichte über die Schließung von 30 der 180 Warenhäuser dürften übertrieben sein, aber das eine oder andere wird schließen müssen. Der Personalabbau könnte bis zu 4000 Stellen erreichen, doch bleibt abzuwarten, wieviel davon auf Verkäufe und einvernehmliche Lösungen und wieviel auf echte Kündigungen entfällt.

          Urban hatte viel angepackt, aber sich dabei verzettelt und die wirklich zukunftsträchtigen Projekte nicht konsequent durchgezogen. Die Zusammenarbeit mit Rewe im Lebensmittelhandel hatte der abgelöste Vorgänger immerhin noch selbst ausgehandelt. Middelhoff meint offenbar, zum Beispiel mehr aus der Zusammenarbeit mit der Kaffeehauskette Starbucks und aus der starken Marktstellung im Sport herausholen zu können.

          "Einkaufen muß ein Stück Unterhaltung werden", deutet sich als Devise der neuen Mannschaft an. Dies ist weder neu noch besonders originell. Solange der Slogan nicht mit wirklich ungewöhnlichen Ideen gefüllt wird, hat er die Qualität einer Beschwörungsformel von Wunderheilern. Wer heute das Kaufhaus zum Erlebnis machen will, muß mehr als einen Zauberer auf der Spielwarenetage und Gourmethäppchen in der Dessousabteilung bieten. Vielmehr sind hohe Investitionen nötig - ein Grund, warum zum Beispiel C &A solche Konzepte nicht verfolgt. Und nicht überall kann man mit Weltstadtkonzepten wie dem KaDeWe in Berlin glänzen.

          Ob die Position von Middelhoff als Europa-Chef der Beteiligungsgesellschaft Investcorp Karstadt-Quelle eines Tages etwas nutzt, bleibt abzuwarten. Teamplayer Achenbach wird sich wohl mit einem 51 Jahre alten Aufsichtsratsvorsitzenden abfinden müssen, der immer wieder gerne auf der Klaviatur des Managements spielt. Der wahre Test für das Bündnis aus dem Einzelhandelsexperten Achenbach und Chefmotivator Middelhoff wird das Halten des Preisniveaus in den Karstadt-Filialen sein. Die deutsche Schnäppchenjagd hat ja gerade erst die Warenhäuser erfaßt.

          Auch wenn Achenbach und Middelhoff innerhalb von Karstadt-Quelle das Steuer herumreißen könnten, wäre damit der große Erfolg noch nicht gesichert. Der Einzelhandel steckt voller psychologischer Komponenten: der subjektiven Lage der Verbraucher, ihren Zukunftserwartungen, dem Lemming-Effekt von Modetrends und der Einkaufsumgebung. Die finanziellen Nöte der meisten Großstädte führen zu wachsender Verödung; auch dies läßt die zentral gelegenen Warenhäuser nicht unberührt. Karstadt-Quelle braucht eine Wiederbelebung. Angesichts der Fülle der Schwierigkeiten kann die Suggestivkraft mitreißender Manager vielleicht kleine Wunder bewirken. Die wahre Herausforderung liegt aber im Stoppen der Ertragserosion und des Lebens aus der Substanz.

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