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Kommentar : Perspektiven für Jugendliche

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Endlich kommt aus der Wirtschaftspolitik auch einmal eine gute Nachricht. Die umstrittene Ausbildungsplatzabgabe ist vom Tisch. Regierung und Wirtschaft wollen die Schwierigkeiten am Ausbildungsmarkt nun doch mit Hilfe einer freiwilligen Vereinbarung lösen.

          Endlich kommt aus der Wirtschaftspolitik auch einmal eine gute Nachricht. Die umstrittene Ausbildungsplatzabgabe ist vom Tisch. Regierung und Wirtschaft wollen die Schwierigkeiten am Ausbildungsmarkt nun doch mit Hilfe einer freiwilligen Vereinbarung lösen. Der Ausbildungspakt, den Bundeskanzler Gerhard Schröder und die Spitzenvertreter der Wirtschaftsverbände am Mittwoch im Kanzleramt unterzeichnet haben, verhindert nach monatelangem Gezerre und Gewürge zwischen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und den Linken in der SPD-Bundestagsfraktion ein wirtschaftlich unsinniges Zwangsgesetz. Zugleich verbessert der Pakt die Chancen der Jugendlichen, in diesem Jahr eine Lehrstelle zu finden, zumindest ein wenig.

          Vor allem Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt ist es zu danken, daß Staat und Wirtschaft mit ihrem "Nationalen Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland" keine Erwartungen wecken, die unerfüllbar sind. Die Wirtschaft stellt zwar für die nächsten drei Jahre je 30 000 neue Ausbildungsplätze in Aussicht. Das heißt aber eben nicht, daß es auf jeden Fall 30 000 zusätzliche Lehrstellen gibt. Das kann niemand garantieren. Wer weiß heute schon, wie viele Unternehmen wegen der anhaltenden Wirtschaftsschwäche oder aus anderen Gründen Lehrstellen streichen müssen? Das Angebot an Ausbildungsplätzen hängt eben stark von der konjunkturellen Entwicklung ab. Schon deswegen wäre eine Ausbildungsplatzabgabe kontraproduktiv gewesen. Sie hätte Ausbildungsbetriebe, die aus wirtschaftlichen Gründen weniger ausbilden, zusätzlich belastet und einigen so vermutlich die Existenzgrundlage entzogen. Am Ende hätte es auch im Aufschwung weniger Arbeitsplätze gegeben. Der Mangel an Ausbildungsplätzen ist kein isoliert zu betrachtendes Phänomen, bei dem das Soll durch Gesetz oder staatliche Willensakte vorgegeben werden kann. Alles, was hilft, die Wachstumsschwäche in Deutschland zu überwinden, hilft auch den Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen.

          Diesen Zusammenhang scheint am Ende auch der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering verstanden zu haben. Daß er jetzt kleinlaut akzeptiert, der Pakt sei die "bessere Lösung", zeigt, wie wenig er selber an den Erfolg seines Gesetzes geglaubt hat. Münteferings Versuch, mit dem unsinnigen Gesetzentwurf die Linken in seiner Fraktion zu beruhigen, hat sich nicht ausgezahlt. Die Wirtschaft war verunsichert und hielt sich mit neuen Ausbildungsplätzen noch stärker zurück. Und auch an den Wahlurnen hat sich der Crashkurs der Sozialdemokraten gegen die Wirtschaft am vergangenen Sonntag erkennbar nicht ausgezahlt.

          Wenn Müntefering und Grünen-Parteichef Reinhard Bütikofer jetzt ergänzend zum Ausbildungspakt in einem Brief den Verzicht auf die Zwangsabgabe zusichern, ist das eine der Grundvoraussetzungen dafür, daß die Aktion Erfolg haben kann. Unternehmen bilden nur dann mehr aus, wenn sie Vertrauen in die Berechenbarkeit der Politik haben. Der Vermittlungsausschuß sollte das unsinnige Gesetz deswegen endgültig begraben, um die Verunsicherung zu beenden.

          Wichtig ist, daß der Ausbildungspakt auch von den Jugendlichen etwas verlangt. Wer im September noch keine Lehrstelle gefunden hat, muß sich künftig an einem Kompetenzcheck beteiligen, den die Kammern und die Agenturen für Arbeit gemeinsam durchführen. Wer dabei nicht mitmacht und bei den Terminen gar nicht erst erscheint, gehört künftig nicht mehr zum Kreis der Bewerber. In der Vergangenheit tauchten bei solchen Aktionen mehr als die Hälfte der Bewerber gar nicht erst auf. Jetzt führt die Statistik wirklich nur noch die als Suchende, die wirklich suchen. Jugendliche, die nach den bundesweiten Nachvermittlungsaktionen immer noch keinen Ausbildungsplatz haben, sollen künftig in sechs- bis zwölfmonatigen Praktika zumindest eine berufliche Einstiegsqualifizierung bekommen.

          Die Aufnahmebereitschaft der Unternehmen wird sich aber nur dann erhöhen, wenn die offenkundigen Bildungslücken vieler Bewerber abgebaut werden. Zahlreiche Betriebe können Lehrstellen nicht besetzen, weil sie keine geeigneten Bewerber finden. Schlüsselkompetenzen wie Rechnen, Schreiben, Lesen müssen in der Schule vermittelt werden. Es kann nicht sein, daß Jahr für Jahr 90 000 Jugendliche die Schulen ohne Abschluß verlassen. Mit der Einführung weiterer Stufenausbildungen und modernisierten Ausbildungsordnungen geht der Pakt zumindest Schritte, mit denen auch das Ausbildungsangebot für Jugendliche mit schlechteren Startchancen erweitert werden kann.

          Die Überwindung der Bildungsdefizite und die Stabilisierung der Konjunktur sind wesentliche Voraussetzungen dafür, daß sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt wirklich entspannt. Vielfach sind aber auch zu hohe Ausbildungsvergütungen schuld an der Zurückhaltung der Unternehmen. Dieser Punkt bleibt im Pakt leider gänzlich außen vor.

          Die Erwartungen an die Vereinbarung sollten daher nicht zu hoch gehängt werden. Der Pakt beseitigt die Ursachen der Misere nicht wirklich. Sein Wert liegt zuallererst darin, größeren Schaden für die Wirtschaft - und damit auch für die Lehrstellen suchenden Jugendlichen - verhindert zu haben. Zugleich darf man mit einiger Berechtigung darauf hoffen, daß die Vereinbarung zumindest anfangs Wirkung entfaltet, indem sie an den guten Willen und an das Eigeninteresse der Unternehmen an qualifiziertem Nachwuchs appelliert. Das verbessert möglicherweise kurzfristig die Chancen junger Menschen auf einen gelungenen Start ins Berufsleben. Auf Dauer aber werden Angebot und Nachfrage auf dem Lehrstellenmarkt nur zueinanderfinden, wenn es gelingt, die erkannten Hemmnisse tatsächlich zu beseitigen.

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