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Kollateralschäden im OP-Saal : Zu viele Todesfälle durch Narkosen

Narkose vor einer Schönheitsoperation. Bild: dpa

Alarmierende Studie aus Deutschland: Auch „weitgehend gesunde“ Patienten müssen damit rechnen, nicht wieder aufzuwachen. Zu viele - sagen die Narkoseärzte. Eine Selbstanklage mit Hintergedanken.

          Die Narkoseärzte in Deutschland sind alarmiert. Sie haben Schwierigkeiten mit der Politik. Und sie haben ein Problem mit der Sicherheit ihrer Arbeit. Seit einigen Jahren gibt es Überlegungen von Gesundheitspolitikern, angetrieben vor allem durch die geringe Facharztdichte in vielen ländlichen Regionen, einige klassischerweise von Ärzten vorgenommene Tätigkeiten an geschultes und geübtes Klinikpersonal abzugeben. Im Koalitionsvertrag der großen Koalition etwa heißt es: „Modellvorhaben zur Erprobung neuer Formen der Substitution ärztlicher Leistungen sollen aufgelegt und evaluiert werden. Je nach Ergebnis werden sie in die Regelversorgung überführt.“

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dass unter diese delegierbaren Leistungen möglicherweise wie in Nachbarländern, etwa der Schweiz oder den Niederlanden, auch die Betäubung von Patienten gehören könnte, zumindest bei planbaren und vermeintlich unproblematischen Operationen, lässt die Narkosespezialisten nicht ruhen. Die Fachgesellschaft will um jeden Preis verhindern, dass die professionelle Betäubung als eine Art unkomplizierte Routinebehandlung abgewertet wird. Mitten in diese gesundheitspolitische Diskussion platzt nun eine Studie, die in dieser Woche im „British Journal of Anaesthesia“ (doi: 10.1093bja/aeu094) veröffentlicht wurde und Wasser auf die politischen Mühlen der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin ist. Es ist, so heißt es, eine der größten internationalen Studien zu Kollateralschäden in der Anästhesie und sie stammt aus Deutschland. Genauer: vor allem aus Baden-Württemberg. Denn dort wird seit Anfang der neunziger Jahre ein von der Fachgesellschaft angeschobenes Projekt zur Erfassung kritischer Ereignisse und Komplikationen im Zusammenhang mit Anästhesien gefördert. Jan-Hendrik Schiff vom Klinikum Stuttgart und eine Gruppe deutscher Narkosespezialisten um Christian Werner vom Universitätsklinikum Mainz, einen Experten für Angewandte Qualitätssicherung, haben rund vier Millionen „Kerndatensätze“ mit jeweils 116 Angaben der Patienten - etwa zu Risikofaktoren - zwischen den Jahren 1999 und 2009 erfasst.

          Die Mehrzahl der Daten steht im Zusammenhang mit Notfalleinsätzen, etwa nach Herzinfarkten, Unfällen oder Schlaganfällen. Gut 1,4 Millionen Narkotisierungen wurden allerdings an Patienten vorgenommen, die als „unproblematisch“ galten. Die Operationen waren planbar, und die Patienten wurden im Hinblick auf die Anästhesie, von dem Grund ihres Eingriffs abgesehen, als „weitgehend gesund“ angesehen.

          Aber auch in solchen Fällen kommt es offenbar immer wieder zu Kollateralschäden mit schlimmen Folgen: Allein in dem Datensatz aus den 101 erfassten Anästhesieabteilungen wurden 36 Fälle dokumentiert, die mit „schwerem Dauerschaden oder Tod“ endeten. Nach Abzug von Blutungen und anderen Schäden, die auf die eigentliche Operation zurückzuführen sind, blieb eine beachtliche Zahl von zehn schweren Komplikationen durch die Narkosen übrig. Das entspricht 7,3 schweren bis tödlichen Komplikationen pro einer Million Eingriff - wohlgemerkt: Kollateralschäden, die freiwillig von den Ärzten über die inzwischen webbasierten Fehlermeldesysteme angegeben wurden. In Wirklichkeit dürfte es sich also um eine durchaus höhere Zahl handeln.

          In neunzig Prozent der in der deutschen Studie gemeldeten Fälle handelte es sich um Intubationsschäden, also um Komplikationen bei der Einführung des Beatmungsschlauchs in die Luftröhre. Für den Generalsekretär der Fachgesellschaft, Hugo van Aken, eine Mahnung nicht nur für Narkoseärzte: „Nach wie vor besteht ein nicht zu vernachlässigendes Risiko für schwerwiegende Komplikationen auch bei ansonsten unproblematischen Operationen.“ Nimmt man die Kollateralschäden durch die Operationen selbst hinzu, ergibt sich bei einer ermittelten Häufigkeit von 2,6 schweren Komplikationen pro 100 000 Operationen die erschreckende Zahl von 75 OP-Opfern pro Jahr. „Das entspricht einer Opferzahl eines Jumbo-Absturzes alle fünf Jahre über Deutschland, eine undenkbare Vorstellung“, so van Aken.

          In puncto Sicherheit sei in den vergangenen Jahrzehnten zwar viel erreicht worden, meint auch sein Mainzer Kollege Christian Werner, „doch gerade im Hinblick auf die Alterung der Bevölkerung und vermehrter Eingriffe mit zunehmenden Risikofaktoren müssen alle Bestrebungen, die eine weitergehende Substitution von ärztlichen Leistungen in der Anästhesie durch nicht ärztliches Personal betreiben, abgelehnt werden.“

          Tatsächlich erscheint, wenn man die häufigen Notfalloperationen hinzunimmt, die Lage noch kritischer. Zuverlässige große Erhebungen aus Deutschland gibt es dazu bisher zwar noch nicht, aber die entsprechenden Studien aus den Niederlanden etwa lassen darauf schließen, dass die Zahl der Patienten, die durch Komplikationen bei der Narkose sterben oder in ein Dauerkoma fallen, bei mindestens 19 pro 100 000 Eingriffen liegt - also gut fünfundzwanzigmal so hoch ist wie in der deutschen Studie mit den planbaren Operationen.

          Überhaupt lässt sich nach den wenigen, wirklich aussagekräftigen und vergleichbaren Untersuchungen in anderen Ländern vor allem eines feststellen: Betäubungen sind seit der ersten, 1846 in Boston vorgenommenen Äthernarkose zwar durchweg sicherer geworden, die systematische Ausbildung von Fachärzten wurde ebenfalls professionalisiert. Aber die Zahl möglicher Schwachstellen bleibt alles andere als vernachlässigenswert, wie der Münsteraner Anästhesiologe Thomas Prien betont: „Es ist wie beim Sicherheitsgurt im Auto. Angelegt, hilft er viele Leben zu retten, aber einigen wenigen wird er zum Verhängnis.“ Das fängt an mit Lagerungsschäden, weil der Narkosearzt den Druck auf den eingeklemmten Nerv nicht bemerkt, bis zur Einatmung von Erbrochenem bei fehlendem Hustenreflex und geht bis zur fehlerhaften Medikamentendosis und daraus resultierendem Sauerstoffmangel im Gehirn. „Wie sicher die Anästhesie wirklich geworden ist, ist noch immer schwierig zu ermitteln“, sagt Prien. Nach den Studienresultaten prüft die Fachgesellschaft nun, einen speziellen „Luftwege-Management-Kurs in die Weiterbildungsordnung für Anästhesisten aufzunehmen. Van Aken: „Es sollte keine Todesfälle durch die Anästhesie geben. Das muss das Ziel sein.“

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