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Kollateralschäden im OP-Saal : Zu viele Todesfälle durch Narkosen

In neunzig Prozent der in der deutschen Studie gemeldeten Fälle handelte es sich um Intubationsschäden, also um Komplikationen bei der Einführung des Beatmungsschlauchs in die Luftröhre. Für den Generalsekretär der Fachgesellschaft, Hugo van Aken, eine Mahnung nicht nur für Narkoseärzte: „Nach wie vor besteht ein nicht zu vernachlässigendes Risiko für schwerwiegende Komplikationen auch bei ansonsten unproblematischen Operationen.“ Nimmt man die Kollateralschäden durch die Operationen selbst hinzu, ergibt sich bei einer ermittelten Häufigkeit von 2,6 schweren Komplikationen pro 100 000 Operationen die erschreckende Zahl von 75 OP-Opfern pro Jahr. „Das entspricht einer Opferzahl eines Jumbo-Absturzes alle fünf Jahre über Deutschland, eine undenkbare Vorstellung“, so van Aken.

In puncto Sicherheit sei in den vergangenen Jahrzehnten zwar viel erreicht worden, meint auch sein Mainzer Kollege Christian Werner, „doch gerade im Hinblick auf die Alterung der Bevölkerung und vermehrter Eingriffe mit zunehmenden Risikofaktoren müssen alle Bestrebungen, die eine weitergehende Substitution von ärztlichen Leistungen in der Anästhesie durch nicht ärztliches Personal betreiben, abgelehnt werden.“

Tatsächlich erscheint, wenn man die häufigen Notfalloperationen hinzunimmt, die Lage noch kritischer. Zuverlässige große Erhebungen aus Deutschland gibt es dazu bisher zwar noch nicht, aber die entsprechenden Studien aus den Niederlanden etwa lassen darauf schließen, dass die Zahl der Patienten, die durch Komplikationen bei der Narkose sterben oder in ein Dauerkoma fallen, bei mindestens 19 pro 100 000 Eingriffen liegt - also gut fünfundzwanzigmal so hoch ist wie in der deutschen Studie mit den planbaren Operationen.

Überhaupt lässt sich nach den wenigen, wirklich aussagekräftigen und vergleichbaren Untersuchungen in anderen Ländern vor allem eines feststellen: Betäubungen sind seit der ersten, 1846 in Boston vorgenommenen Äthernarkose zwar durchweg sicherer geworden, die systematische Ausbildung von Fachärzten wurde ebenfalls professionalisiert. Aber die Zahl möglicher Schwachstellen bleibt alles andere als vernachlässigenswert, wie der Münsteraner Anästhesiologe Thomas Prien betont: „Es ist wie beim Sicherheitsgurt im Auto. Angelegt, hilft er viele Leben zu retten, aber einigen wenigen wird er zum Verhängnis.“ Das fängt an mit Lagerungsschäden, weil der Narkosearzt den Druck auf den eingeklemmten Nerv nicht bemerkt, bis zur Einatmung von Erbrochenem bei fehlendem Hustenreflex und geht bis zur fehlerhaften Medikamentendosis und daraus resultierendem Sauerstoffmangel im Gehirn. „Wie sicher die Anästhesie wirklich geworden ist, ist noch immer schwierig zu ermitteln“, sagt Prien. Nach den Studienresultaten prüft die Fachgesellschaft nun, einen speziellen „Luftwege-Management-Kurs in die Weiterbildungsordnung für Anästhesisten aufzunehmen. Van Aken: „Es sollte keine Todesfälle durch die Anästhesie geben. Das muss das Ziel sein.“

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