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Klamme Mittelschicht : Kinder sind die schönste Geldanlage

  • -Aktualisiert am

Schaukeln ist immerhin kostenlos: Kinder auf einem Spielplatz in Frankfurt Bild: Gilli, Franziska

Wer in Deutschland eine Familie gründen will, hat es finanziell nicht einfach. Der Wunsch nach Kindern setzt in vielen Familien zwei Einkommen und die Bereitschaft zu großer Sparsamkeit voraus.

          Menschen neigen zur Vermehrung. Das hat schon Wilhelm Busch, typisch Mann, zu den herrlichen Reimen veranlasst, dass es nicht schwer sei, Vater zu werden, sondern weit schwieriger, Vater zu sein. Schließlich sei jeder Mann, wenn die Kosten kommen, ganz angstbeklommen. Wie wahr, wie wahr, wie ein Blick in die Statistik zeigt. Der durchschnittliche Mann verdient knapp 3000 Euro pro Monat. Damit lässt sich - von wenigen Ausnahmen abgesehen - keine Familie gründen. Für dieses Vorhaben ist erstens eine Frau nötig und zweitens eine Frau notwendig, die nicht nur zu, sondern auch außer Hause arbeitet. Sonst ist das ganze Vorhaben in aller Regel zum Scheitern verurteilt. Die Hintergründe für diese „bittere Wahrheit“ werden in folgendem Beispiel deutlich.

          Ein junger Mann, um die 30 Jahre alt, verdient 3000 Euro pro Monat. Er ist mit der „richtigen“ Frau verheiratet. Sie ist im selben Alter, und sie bringt 2000 Euro nach Hause. Das Ehepaar hat zwei Kinder, die vier und zwei Jahre alt sind. Der Nachwuchs sorgt in Form des Kindergeldes für zusätzliche Einkünfte von 368 Euro pro Monat, so dass das Quartett jeden Monat insgesamt 5368 Euro einnimmt. Davon bleiben aber nach Abzug der Sozialabgaben und Steuern nur 3605 Euro übrig. Staat und Gesellschaft fordern siebenmal Tribut: 75 Euro für die Arbeitslosenversicherung, 53 Euro für die Kirche, 410 Euro für die Krankenversicherung, 653 Euro für die Lohnsteuer, 64 Euro für die Pflegeversicherung, 473 Euro für die Rentenversicherung und 35 Euro für die Solidarität mit Ostdeutschland.

          Spötter weisen zu Recht darauf hin, zu den Schröpfenden seien auch Fernsehen und Rundfunk zu zählen, weil die Anstalten den Bürgern monatlich 17 Euro und 98 Cent für Tagesschau und „Tatort“ abknöpfen, doch die 18 Euro machen den Kohl auch nicht fett. Die Familie hat jeden Monat lediglich 3600 Euro zur Verfügung.

          Die durchschnittlichen Einkünfte reichen zum Leben, wenn jeder Fünf-Euro-Schein dreimal umgedreht wird, zu großen Sprüngen reichen die beiden Löhne nicht. Die deutschen Statistiker listen in ihren Übersichten mit größter Genauigkeit auf, wohin das Geld geht. Natürlich sind Abweichungen nach oben und unten an der Tagesordnung, doch die Durchschnitte geben einen brauchbaren Einblick in die Kassen und Taschen des deutschen Mittelstandes.

          Bildung ist in Deutschland ein Trauerspiel. Null Komma sieben Prozent des Monatseinkommens - in Zahlen: 25 Euro - fließen in die Bildung. Das reicht nicht einmal für ein gedrucktes Abonnement der F.A.Z. aus, so dass bildungshungrige Bürger zum Beispiel beim Essen und Trinken sparen müssen. Freizeit und Urlaub schlagen mit 11 Prozent des Einkommens zu Buche, für Gesundheit und Haushalt werden 4 und 6 Prozent ausgegeben. Die tägliche Kommunikation - vulgo das Handy - kostet 90 Euro pro Monat. Die Ernährung ist nach dem Wohnen und vor dem Auto die zweithöchste Ausgabe und liegt bei 19 Prozent des Einkommens beziehungsweise 700 Euro. Die Kleidung scheint den Deutschen im Vergleich zum Auto nicht viel wert zu sein. Der erste Posten verschlingt 166 Euro, der zweite Posten aber 512 Euro. Abgerundet wird der Katalog durch das Wohnen. Miete und Nebenkosten sind mit einem Anteil von 34 Prozent der mit Abstand höchste Posten, so dass am Ende des Monats knapp 4 Prozent oder 137 Euro übrig bleiben.

          Man kann schimpfen, aber es hilft nichts

          Die einzelnen Zahlen belegen in aller Deutlichkeit, dass die deutsche Familie - ein Ehepaar, zwei Kinder - in finanzieller Hinsicht echt auf Kante genäht ist. Hier sollte nach Möglichkeit nichts, aber auch gar nichts anbrennen. Der Vater darf die Arbeit nicht verlieren, die Mutter muss arbeiten, und die Kinder sollten nicht aus der Reihe tanzen. Sonst gerät das kleine Schiff in Windeseile in schwere See. Ein fetter Handy-Vertrag, ein kleiner Autokredit, ein teurer Urlaub sorgen für gewaltigen Stress, und eine Scheidung, im Schnitt gehen 40 bis 50 Prozent aller Ehen in die Brüche, ist nicht nur in Atomkraftwerken, sondern auch in Privathaushalten der GAU, der größte anzunehmende Unfall.

          Bei diesen Perspektiven ist es kein Wunder, dass sich viele Junioren gegen Ehe und Kinder entscheiden. Zwar sehnen auch sie sich nach Liebe und Nachwuchs, doch das Risiko, wegen dieser „Süchte“ auf die Nase zu fallen, ist ihnen doch zu hoch. Man kann die Angst oder den Egoismus dieser Menschen beklagen, man mag über den Staat schimpfen, der die Bürger ausnimmt wie Weihnachtsgänse, doch die Verhältnisse sind, wie sie sind, und wer auf Besserung hofft, sollte zum Arzt oder Psychologen gehen, weil eher ein Elefant durch ein Nadelöhr geht, bevor Menschen auf die stattlichen Segnungen des Staates verzichten.

          Mit der Rente wird es schwierig

          Die künftige Rente durchschnittlicher Familien ist ein düsteres Kapital. Sie steht und fällt mit der gesetzlichen Versorgung. Das Ehepaar bezahlt zurzeit monatlich 473 Euro in die deutsche Rentenversicherung, und die Arbeitgeber entrichten dieselben Beträge. So kommen in den nächsten 37 Jahren rund 420.000 Euro zusammen. Wird die Summe den beiden Eheleuten in Form einer Rente bis zum 85. Geburtstag zurückgezahlt, wird die Rente bei 2000 Euro pro Monat liegen. Das mag auf den ersten Blick gewissen Trost spenden, doch wer ein paar Zahlen ändert, wird schnell merken, wie wackelig das Fundament der Altersversorgung ist.

          Der durchschnittliche Lohn, den die Rentenversicherung vor 50 Jahren zur Berechnung der Beiträge herangezogen hat, lag im Jahre 1964 bei 8467 DM, umgerechnet 4329 Euro, und der Beitragssatz betrug 14 Prozent. Folglich flossen damals jeden Monat rund 50 Euro in die Rentenkasse. Heute liegen der Durchschnittslohn bei 34.857 Euro und der Beitragssatz bei 18,9 Prozent, so dass die Einzahlungen bei 275 Euro liegen. Das sind jährliche Steigerung von 4,3 Prozent beim Durchschnittslohn und 4,9 Prozent bei den Beiträgen. Wie wird das in Zukunft weitergehen?

          Sparsamkeit hilft

          Prognosen sind gefährlich, weil kein Mensch weiß, was die Zukunft bringen wird. Die jungen Menschen dürfen darauf vertrauen, dass die Rente sicher ist, aber deren Höhe in den Sternen steht. Die Unsicherheit wird in starkem Maße von zwei Faktoren beeinflusst. Das ist auf der einen Seite die Bevölkerungsentwicklung, und das ist auf der anderen Seite die Geldentwertung. Längst pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass die menschliche Fortpflanzung in Deutschland ins Stocken geraten ist. Einmal will man nicht, dann frau nicht, oder es sind gleich beide skeptisch, weil die Rahmenbedingungen heikel sind.

          Hinzu kommt der „Verlust“ zwischen Geld und Rente. Würden die 946 Euro, welche das Ehepaar und deren Arbeitgeber zurzeit in die Rentenkasse einzahlen, in Zukunft konstant bleiben, ist im Alter eine Rente von 1945 Euro darstellbar. Bei einer Inflationsrate von 1 Prozent wird die Rente in 37 Jahren aber nur 1346 Euro wert sein, und in 50 Jahren wird die Kaufkraft der Rente auf 1183 Euro gesunken sein. Die Zahlen werden nicht besser, wenn mit Steigerungen gearbeitet wird, weil zwischen die Differenz zwischen Einzahlungen und Rückzahlungen mit hoher Wahrscheinlichkeit negativ bleiben wird. „Und wie lautet die Moral der Geschichte?“, würde Wilhelm Busch an dieser Stelle wohl fragen. Die Antwort ist ganz einfach. Die Lage ist lausig, und die Zukunft ist düster. Es hat keinen Zweck, die Situation schönzureden oder schönzutrinken. Die einzige Möglichkeit, die Lage zu verbessern, ist private Altersvorsorge, sprich: Konsumverzicht, doch das ist bei diesen Werten harter Tobak. Wo soll die junge Familie sparen? An der Wohnung? Beim Auto? Bei der Verpflegung? Im Urlaub? Die Antwort mag sich wie bittere Ironie anhören, doch es wäre nicht schlecht, überall „a kloans bisserl“ zu sparen, wie es im Bayerischen heißt, also überall ein bisschen.

          Schulden sind der Anfang vom Ende

          Der solide Umgang mit Geld sollte in Haushalten, in denen jeder Fünf-Euro-Schein zählt, mit der Erkenntnis beginnen, dass Schulden der Anfang des Endes sind. Wer das Konto überzieht, wer ein Auto auf Pump kauft, wer das nächste Handy nicht bar zahlt, mag auf den ersten Blick schlechte Karten haben, weil Verzicht geübt wird, doch in Wirklichkeit gibt es für den Verzicht etwas, was mit Geld überhaupt nicht zu kaufen ist, nämlich Freiheit. Das mag nach Pathos klingen, doch Freiheit, auch in Gelddingen, ist schon eine Sache, für die sich zu kämpfen lohnt. Folglich sollten Angestellte, die ihren Lohn mit gewisser Regelmäßigkeit aufs Konto überwiesen bekommen, auf Überziehungskredite verzichten, und sie sollten sich den Umgang mit Bank- und Scheckkarten gut überlegen, weil die Verführung groß ist, doch über die Stränge zu schlagen.

          Bei den Versicherungen ist ähnliche Zurückhaltung angesagt. Die junge Familie benötigt eine Privat-Haftpflicht-Versicherung, und sie braucht eine Krankenversicherung. Die erste Police kostet 100 Euro im Jahr, und die zweite Police ist gesetzliche Pflicht. Absicherungen bei Berufsunfähigkeit und Tod sind zwar sinnvoll und zweckmäßig, doch was nicht geht, kann in der Regel auch nicht passend gemacht werden. Es gibt keine Untersuchungen, ob die Invalidität oder der Tod für den Menschen das größere Risiko ist, so dass jede Diskussion müßig ist, welche Versicherung „wichtiger“ ist.

          Sparen bei Wohnen, Auto und Urlaub

          Die mit Abstand heikelste Aufgabe ist wirklich die Frage, wo die Familie sparen kann. Alternativ stellt sich die Frage, ob das monatliche Einkommen von 3600 Euro gesteigert werden kann. Das mag hier und da klappen, in einigen Fällen sogar auch ohne Schwarzarbeit, doch die Masse wird sich damit abfinden müssen, dass die Mittel begrenzt sind. In den meisten Haushalten gibt es, so hart das klingt, zum Verzicht keine Alternative, wenn für Notfälle oder die Rente ein paar Euro auf die Seite gelegt werden sollen. Die harten Schnitte sind beim Wohnen, beim Auto und beim Urlaub nötig, die weichen Schnitte sind bei der Ernährung und im Haushalt möglich. Das ist alles andere als spaßig, doch ein Hunderter beim Wohnen, jeweils ein Fünfziger beim Auto und beim Urlaub, und zwei Zwanziger bei der Ernährung und im Haushalt summieren sich auf 240 Euro, und wenn der Überschuss von 137 Euro nicht in Likör und Schnaps versickert, kommen doch Beträge zusammen, die ihre Wirkung auf lange Sicht nicht verfehlen werden.

          Sparraten von 350 bis 400 Euro, im vorliegenden Fall wieder der berühmte Zehnte der Nettolöhne, führen über einen Zeitraum von 37 Jahren ohne Zinsen zu einer Summe von 155000 bis 178.000 Euro. Der Mittelwert von 167.000 Euro kann durch Zins und Zinseszins gesteigert werden, doch die Jagd nach hohen Erträgen ist mit der Gefahr verbunden, den Wald von lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. Wenn das Geld knapp ist, ist Sicherheit oberstes Gebot, weil sich die Sparer den Luxus, auch nur Teile des Kapitals zu verlieren, einfach nicht leisten können.

          Das zweite Ziel der Sparer ist der Erhalt des Wertes. Wenn die Inflation zum Beispiel jährlich 2 Prozent beträgt, außerdem die Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent, welche auf Erträge erhoben wird, brauchen die Sparer einen Habenzins von mindestens 2,72 Prozent pro Jahr. Das ist ein Ziel, das mit Hilfe sicherer Sparverträge zurzeit nicht erreichbar ist. Trotzdem sollten Menschen, die monatlich 350 Euro sparen wollen, nicht die Flinte ins Korn werfen.

          Die beste Lösung dürfte die Dreiteilung der Rate sein. 150 Euro fließen in einen Spartopf, beispielsweise einen Geldmarktfonds, der keine Zinsen bringt. Die nächsten 100 Euro werden in eine Rentenpolice mit geringen Gebühren gesteckt, und die letzten 100 Euro werden in einen Aktien-Index-Fonds mit niedrigen Kosten investiert. Mit diesem Konzept können drei Fliegen auf einen Schlag erlegt werden. Der Geldmarktfonds ist der Spartopf für schlechte Zeiten. Wenn in fünf oder zehn Jahren ein neues Auto nötig ist oder im Haushalt irgendein Gerät den Geist aufgegeben hat, ist Geld für Ersatz vorhanden. Die Rentenpolice wird nach Lage der Dinge jährlich 2 bis 3 Prozent abwerfen, und der Aktien-Index-Fonds wird, auch wenn die Börse im Augenblick mal wieder einmal schwächelt, auf lange Sicht doch 4 bis 5 Prozent bringen. Die Mischung wird unter dem Strich, also nach Gebühren, Inflation und Steuern, eine Nullsummenspiel bleiben, doch das Gefühl, im Alter ein paar Groschen auf der hohen Kante zu haben, ist nicht das schlechteste Gefühl!

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