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Jürgen Hingsen : Vier Fehlstarts und die Flucht vor den Fragen

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Viermal viel zu früh: Jürgen Hingsen Bild: dpa

Wie ein vorschneller Zehnkämpfer seine Laufbahn verkürzte.

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          Drei Fehlversuche gibt es, bevor der vierte Anlauf gelingt, mit Jürgen Hingsen über die drei Fehlstarts zu reden, die eigentlich vier waren. Zuerst verwechselt er zwei Interviewverabredungen. Dann platzt ein geschäftlicher Termin und damit seine Anreise. Schließlich fühlt er sich durch eine spontane Grippe ans Bett gefesselt. Seine Abwehrkräfte gegen die schmerzhafte Erinnerung an jenen 28. September 1988, an dem der beste deutsche Zehnkämpfer viermal viel zu früh ins Laufen kam und schon bei der ersten Übung aus dem Rennen um die Goldmedaille flog, sind offensichtlich so stark, daß sich Hingsen auch sechszehn Jahre später noch schwertut, sein Gedächtnis zu bemühen. Immer noch ist der damals dreißigjährige Duisburger auf der Flucht vor den Nachfragen, will sich der Vergangenheit nicht stellen: "Ja, ja, dat Fehlstartthema, dat hängt mir zum Hals raus."

          Kurz nach neun Uhr in der Frühe ist es. Trotz des sonnigen Tagesanfangs kommt kaum ein Zuschauer ins Olympiastadion von Seoul, um die Zehnkämpfer über 100 Meter in ihren zweitägigen Wettkampf starten zu sehen.

          "Ich bin an dem Morgen viel nervöser als sonst. Ich hab' ja gar keinen Hochsprung mehr trainiert, und der ist normal meine große Stärke. 2,16 bis 2,18 Meter sind sonst drin. Aber mit den Schmerzen im rechten Knie ist an solche Höhen nicht zu denken."

          Solange sich Hingsen noch auf sicherer Distanz zum fraglichen Ereignis fühlt, sich selbst öffentlich sprechen hört, erinnert er sich beinahe auf hochdeutsch. Aber wenn sein Abstand verlorengeht, wenn die alten Emotionen ihn packen, verfällt er ins Duisburger Platt seiner Kindheit und Jugend.

          "Stell dir ma vor, du weiß, du kannz nur zwei Sprünge machen. Kannze dir nich vorstellen, wat dat für Schmerzen waren. Als wenn dir einer mittem Messer innet Knie sticht. Und dat sitzt mir alles im Kopp: Machse einen Sprung, dann tut dat wieder weh. Läßte dir ne Spritze setzen, machse den zweiten Sprung. Und wenne Glück hass, nochen dritten. Da muß dann aber alles andere super laufen."

          Und zwar vom ersten Meter an, und die folgenden 99 selbstverständlich auch. Hingsen hat eine Bestzeit von 10,70 Sekunden.

          "Eigentlich bin ich für den Lauf ziemlich gut drauf, körperlich. Aber im Unterbewußtsein bin ich so fixiert auf diesen dämlichen Start, dat ich natürlich alles um mich rum vergesse. Weil ich ja weiß, ich muß deutlich unter elf Sekunden laufen. Denn dann kommse in son Rausch rein, dann mach' ich auch sicher nen guten Weitsprung. Aber neben mir der Russe, der zuckt auch so rum, der hat mich nervös gemacht, und dadurch is dat Ganze entstanden, verstehsse?"

          Allerdings: Nach dem ersten Fehlstart, bei dem Jürgen Hingsen schon 0,167 Sekunden vor dem Schuß (also mit einem Wert von - 0,167) losrennt, ist nicht etwa Pawel Tarnowetsky an der Reihe, dem man den zweiten Fehlstart zuschreibt. Die Kampfrichter lesen den Computerausdruck falsch: - 0,078 Sekunden für Hingsen und - 0,046 Sekunden für Tarnowetsky bedeuten nämlich, wie der schweizerische Zeitmeß-Experte Peter Hürzeler geduldig erklärt, daß der Deutsche länger, also früher, vor dem Startschuß loslief. Und der Russe dichter dran war, sich folglich später erst auf den Weg machte. Tarnowetsky zuckt tatsächlich, aber erst nachdem der vorschnelle Hingsen ihn irritiert hat. Fehlstart Nummer drei ist Hingsens offiziell zweiter, der vierte dann sein offiziell dritter: raus aus dem Rennen, aus und vorbei sein Spielchen bei den Spielen.

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