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Jürgen Hingsen : Vier Fehlstarts und die Flucht vor den Fragen

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Einer, der sich nicht mit voller Absicht und Knall auf Fall aus dem Wettbewerb verabschieden will, der müßte beim ultimativen Startversuch doch zur Sicherheit in den Blöcken hocken bleiben, bis alle anderen längst auf und davon sind; müßte sich als Verfolgungsläufer aufmachen, eine miserable 100-Meter-Zeit riskieren, die aber immerhin noch Punkte bringt. Und die den Zehnkämpfer in die zweite Disziplin rettet.

"Ich bleib' beim letzten aber doch extra sitzen, um bloß nicht wieder zurückgeknallt zu werden. Und ich bin sicher, dat der letzte so spät war, dat ich unmöglich Fehlstart gemacht haben kann."

Beinahe nicht. Denn diesmal ist seine Reaktionszeit zwar nicht mehr im Minus, seine Abkunft also nicht mehr vor dem Knall: 0,099 Sekunden sind, als Reaktionszeit auf das akustische Kommando, dennoch menschenunmöglich. 0,100 Sekunden sind theoretisch erlaubt. Praktisch brauchen selbst die schnellsten Leichtathleten länger. Ben Johnson machte sich in Seoul 0,132 Sekunden nach dem Schuß auf den Weg zum Olympiasieg und Weltrekord. Ben Johnson, ein heikles Stichwort für Jürgen Hingsen. Der Dopingfall des Kanadiers ist am Tag zuvor bekanntgeworden. Das Betrugsmittel heißt Stanozolol; ein anaboles Steroid, das bis zum positiven Gegenbeweis durch den Kölner Dopingfahnder Professor Manfred Donike als "unentdeckbar" galt. Und gleich am nächsten Morgen versucht Jürgen Hingsen in größter Hektik, so rasch wie möglich aus der Konkurrenz zu rennen - um der Dopingkontrolle nach dem Wettkampf zu entkommen?

"Dat is doch Quatsch. Da hätte ich doch zehn Übungen Zeit gehabt, mich mit ner Verletzung da rauszubringen. Aber du machs doch nich ne Tausendstelsekunde Fehlstart, überleg doch ma! Dat kannze doch nicht absichtlich machen, geht ja nich."

Hörbar, aber natürlich nicht nachprüfbar, jammert Hingsen immer noch der vertanen Chance hinterher, die ihm der formschwache Weltmeister von 1987 und der Olympiasieger von 1980 und 1984 unfreiwillig eröffneten: "Der Voß war verletzt, der Thompson war verletzt. Und in Seoul gab es sogar eine Flagge: ,Jürgen go Daley', weil die Engländer wußten, dat wir beide angeschlagen waren - so wat hab ich nie mehr wiedergesehen. Siesse ma, wie die Engländer patriotisch sind. Jedenfalls haben die anderen ja auch keinen Zacken aus der Krone gebrochen. Und der dritte war dann der Schenk, der mit 8400 einen Luschen-Zehnkampf - also nich richtig Luschen-Zehnkampf, ist ja auch eine gute Leistung, aber im Vergleich zum Leistungsniveau damals - die Goldmedaille gewonnen hat. Dat war natürlich abartig."

"Abartig", also gegen die heroischen Gepflogenheiten dieser Könige der Leichtathletik, war auch der Abgang eines großen Favoriten auf Gold.

"Als et passiert war, hab ich meine Sachen gepackt und bin wie son räudiger Hund am nächsten Tag aus dem Dorf geschlichen. Ich war fix und fertig, ich wollte nur noch weg."

Unter Pfiffen, von Schimpfe begleitet: "Wie kannste nur?! Die haben ja alle gar keine Worte mehr dafür gehabt. Und ich auch nich. Ich stand ja regelrecht unter Schock. Pfeifer und Hüsselmann, meine engsten Betreuer damals, die haben dagestanden und mich angeguckt wie dat siebte Weltwunder."

Ein blaues Wunder erlebte Hingsen, als er zurückkam nach Deutschland: "Ich bin zum Depp der Nation geworden, weil dat ja keiner verstehen konnte. Ich hab keinen Zehnkampf mehr gemacht, aber zehn Jahre Albträume gehabt. Auch heute noch manchmal. Da muß ich immer wieder zum 100-Meter-Lauf antreten."

Ein Fehlstart ohne Ende.

"Eigentlich habe ich immer noch nicht damit abgeschlossen. Weil immer wieder welche kommen und fragen. Nach der verdammten Goldmedaille, die jeder von mir erwartet hat. Aber keiner so sehr wie ich."

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