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Joel Coen zum Sechzigsten : Ein großer Graswurzelsepp

Joel Coen (links) mit seinem Bruder Ethan Coen. Bild: dpa

Der Drehbuchautor und Regisseur Joel Coen wird an diesem Samstag sechzig. Gemeinsam mit seinem Bruder Ethan zitiert und prägt er seit dreißig Jahren Hollywoods Kino.

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          Eugene Mirman, einer der besten unter den vielen großen amerikanischen Komikern jüdischer Herkunft, führt in seinem Repertoire überflüssiger Ratschläge den schönen Warnhinweis: „Drohen Sie einem Polizisten nie damit, seinen Penis zu stehlen!“ Etwas wie die systematische Missachtung dieser Empfehlung, also ein ebenso graziler wie selbstmörderischer Angriff auf die weiß-angelsächsisch-protestantische Maskulinität als solche, schwingt in der besten jüdisch-amerikanischen Komik von Lenny Bruce bis Woody Allen stets mit.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Die beiden Filmemacher Joel und Ethan Coen, die schon in jungen Jahren mit billigem Werkzeug das Hollywoodkino und seine Papphelden teils parodierten, teils nachahmten und es dabei natürlich allezeit liebten, haben für ihre spezifische Spielart der Frechheit wider die Bullenknüppel im Laufe der Zeit einige stattliche Männlichkeitsdarsteller kooptieren können – von George Clooney über John Goodman bis Mark Pellegrino (schmieriger als bei den Coens war er nie). Planung und Ausführung ihrer filmischen Ordnungswidrigkeiten teilen sich die beiden naheliegenderweise brüderlich.

          Ethan hat Philosophie studiert, Joel lieber Kino; aber das heißt nicht, das Joel kein Philosoph oder Ethan kein Filmemacher wäre – Letzterer hat praktischerweise eine Cutterin geheiratet, Ersterer dafür eine Schauspielerin, die herrliche Frances McDormand, die bekanntlich immer dann, wenn sie die Ehefrau eines liebenswerten Sonderlings spielt – zuletzt, besonders beeindruckend, in Lisa Cholodenkos Fernsehwunder „Olive Kitteridge“ (2014) –, ein Lächeln zeigt, das wohl auch ihr wirklicher Gatte kennt. Dieses Lächeln sagt: Ich weiß schon, Schatz, du siehst an der Welt vor allem das Skurrile, aber ich sehe an dir ebendeshalb das Vernünftige, und wenn dir das nicht die Kraft dazu verleiht, deine krummen Visionen weiterzuverfolgen, dann weiß ich auch nicht.

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          Die Gewächse im männlichen Typenwald

          Kein Zweifel: Wunderlich ist die Welt, die uns die Coens zeigen, und dabei besteht gewiss die Gefahr, dass ihre Kunst sich zwar nicht bei der Polizei anbiedert, aber dafür bei denen, die nur deshalb über den Dingen des angepassten Alltags stehen, weil sie sich nicht hineintrauen – Leuten, die sich am liebsten mit dem Helden des Coen-Films „Inside Llewyn Davis“ (2013) verwechseln würden, um verprügelt, aber empfindsam durchs Leben zu schleichen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der weltweiten Hipsterbagage mag in den Coens seine Hofmaler sehen und sich in der aus Folk-Humanismus und Schrägsinn zusammengezimmerten Kunstwelt dieser Brüder ein Winkelchen freikratzen, in dem die Sensiblen sich dann so wohl fühlen können wie in irgendeiner Homerecording-Musik oder obskuren Interhöfen im Hinternet.

          Jungskram also – der davon lebt, dass ältere Männlichkeitsmodelle wie, sagen wir, die Imago „John Wayne“ eben nicht in irgendeinem triftigen Sinn „kritisiert“ werden, sondern neunmalklug auseinandergefummelt und schief wieder zusammengesetzt: „Er behandelt Sachen wie Frauen“, beschwert sich der Dude (Jeff Bridges) in „The Big Lebowski“ (1998) über einen Machodrecksack alter Schule. Der Schauspieler, der das sagt, darf für die Coens einige Jahre später in „True Grit“ (2010) sogar eine Rolle übernehmen, die zuvor Wayne gehörte.

          Alte Männerstereotypen werden bei den Coens eben wirklich nicht „angeklagt“, sondern von neuen überschrieben. Und warum auch nicht? Die Brüder stehlen dem Polizisten gleichsam den Penis, um ihn durch eine Zigarre zu ersetzen, die dann knallig explodiert. Wie gesagt, Kritik ist was anderes. Aber Kunst muss sich nicht darum scheren, ob die Leute, die sie genießen, dabei blöder, klüger, schlechter oder besser sind oder werden als das, was die Kunst aus welcher Laune heraus auch immer aufs Korn nimmt. Das Gegenwartskino verdankt den Coens jedenfalls eine Sprache, die sich nicht für die Wurzeln des knorrigen Alpha-Gewächses im männlichen Typenwald interessiert, sondern für die Würzelchen zarter Gräser und Mauerblümchen, die es unter Männern eben auch gibt. Mal sehen, wie diese Sprache altert. Heute wird Joel Coen erst einmal sechzig.

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