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: "Japans Fiskalpolitik ist außer Kontrolle geraten"

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Japans Wirtschaft hat in den zurückliegenden Quartalen deutlich zugelegt. Die Reformen scheinen in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft zu greifen. Von Bankenkrise, Absturz oder Niedergang ist kaum noch die Rede.

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          Japans Wirtschaft hat in den zurückliegenden Quartalen deutlich zugelegt. Die Reformen scheinen in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft zu greifen. Von Bankenkrise, Absturz oder Niedergang ist kaum noch die Rede. Der Nikkei-Aktienindex notiert stabil über der Marke von 10 000 Zählern. Die Verbraucher zeigen sich wieder optimistischer. Allein ein Ende der Deflation zeichnet sich nach den Worten von Ryoji Musha nicht ab. Vielmehr sieht er die globale Wirtschaft angesichts steigender Ölpreise, einer ultralockeren Geldpolitik in Japan und Amerika auf einer Gratwanderung. Die Fiskalpolitik Tokios sei völlig aus dem Ruder gelaufen. Washington drohe den gleichen Pfad einzuschlagen. Das aber hätte weitreichende Folgen. Herr Musha, wie schätzen Sie die derzeitige Lage der Wirtschaft Japans ein?

          Japans Wirtschaft befindet sich weiterhin in einer milden Deflation. Die Konsumpreise geben zwar nach, doch das ist nicht allzu schmerzvoll. Die Unternehmen konnten die Rückgänge ihrer Erlöse immer wieder durch Senkungen der Fixkosten auffangen. Damit sind sie profitabel geblieben. So sehen wir das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wachsen und die Aktienkurse steigen. Deshalb ist Japans Wirtschaft stabil. Es gibt fallende Preise, aber keine verheerende Abwärtsspirale. Ich nenne das ein deflationäres Gleichgewicht.

          Wann wird die Deflation endgültig überwunden sein?

          Das könnte weitere drei bis fünf Jahre dauern. Doch schon heute gibt es ermutigende Umstände. Einerseits sind die Kapitalkosten so preiswert, daß sich die Wirtschaft weiter stabilisieren kann. Andererseits wurden die Wirtschaftsstrukturen schrittweise verbessert. Überkapazitäten sind reduziert und notleidende Kredite verringert. So wurde die Angebotsseite wieder flottgemacht. Das allein läßt zwar noch nicht auf ein kräftiges Wachstum schließen. Doch es läßt den Schluß zu, daß die Wirtschaft vor einem Absturz bewahrt wurde.

          Japans BIP-Wachstum hat in den zurückliegenden Quartalen über dem Wachstumspotential gelegen. Wie erklären Sie das?

          Das müssen wir im Zusammenhang sehen. Im zweiten Quartal wuchs Japans Wirtschaft nominal um 0,3 Prozent. Dabei waren die Exporte die treibende Kraft. So basiert das Wachstum auf der Nachfrage im Ausland, und die war in den vergangenen Quartalen hoch. Auf dem heimischen Markt hat sich der Konsum allenfalls stabilisiert. Dabei greifen Verbraucher immer mehr auf ihre Ersparnisse zurück. Das heißt, sie sind wieder optimistisch. Das sah im Frühjahr vergangenen Jahres noch ganz anders aus. Seitdem hat sich die Börse erholt, die Aktienkurse sind gestiegen, die weltweite Wirtschaft hat zugelegt. Die großen japanischen Unternehmen haben davon profitiert. Ihre Gewinne und Mittelzuflüsse steigen. Das aber trifft fast nur auf das global ausgerichtete Verarbeitende Gewerbe zu.

          Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Entwicklung in China?

          Chinas Rekordwachstum basiert auf viel zusätzlicher Liquidität. Das hatte einen spekulativen Boom in Investitionen in das Anlagevermögen ausgelöst. Dieser Faktor macht nun 43 Prozent des chinesischen BIP aus. Das aber ist unnormal hoch. Keine der großen Volkswirtschaften legte je solche Zahlen vor. So strafften die chinesischen Behörden ihre Geldpolitik. Das Wachstum der Geldmenge M2 hatte im Sommer 2003 seinen Höhepunkt überschritten. Daraufhin ließen die Anlageinvestitionen nach. Die Nachfrage im Konsumbereich wurde schwächer, was deutlich am Autoabsatz zu sehen ist. Dennoch haben japanische Unternehmen in den vergangenen Jahren kräftig von der Entwicklung in China profitiert.

          Wie schätzen Sie die Wirtschaft der Vereinigten Staaten ein?

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