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Internationale Energieagentur : Atom-Altlasten werden teuer

Brennstäbe im Kühlbecken Bild: dpa

In den kommenden 25 Jahren werden weltweit rund 200 Atomkraftwerke vom Netz gehen, schätzt die Internationale Energieagentur. Sie warnt vor gewaltigen Kosten für die Demontage alter Kraftwerke.

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          Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt vor hohen Kosten für die Demontage überalterter Atomkraftwerke. Allein in den nächsten 25 Jahren müssten dafür auf der ganzen Welt mehr als 100 Milliarden Dollar (umgerechnet 80 Milliarden Euro) aufgewandt werden, schätzen die Energieexperten in ihrem Energiemarktausblick, den die IEA am Mittwoch veröffentlicht hat. Besonders teuer werde die Stilllegung alter Atomkraftwerke in Europa: Deutschland und andere europäische Länder müssten mit Kosten von insgesamt 51 Milliarden Dollar rechnen, prognostiziert die IEA. Neben Deutschland kehren auch Belgien und die Schweiz der Atomkraft den Rücken.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wir werden einen massiven Anstieg von Stilllegungen in der Atomkraft sehen“, sagte Fatih Birol, der Chefökonom der IEA, am Mittwoch in London. Er schätzt, dass bis zum Jahr 2040 rund um den Globus etwa 200 von derzeit 434 Atomkraftwerken vom Netz gehen und entsorgt werden müssen. „Darauf sind wir nicht gut vorbereitet“, warnte Birol. Wie teuer die Atom-Altlasten sind, zeigt das Beispiel der berüchtigten britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield: Die Belastungen für die Staatskasse reichen hier noch weit über den Betrachtungszeitraum der IEA hinaus. Die britische Regierung schätzt, dass die Beseitigung der Anlagen in Sellafield bis Anfang des nächsten Jahrhunderts rund 110 Milliarden Pfund (140 Milliarden Euro) kosten werde.

          „Noch kein einziges Endlager auf der Welt“

          Die IEA sagt auch voraus, dass die Menge des Atommülls stark steigen werde. Bis zum Jahr 2040 rechnen die Energiewissenschaftler mit einer Verdoppelung der weltweiten nuklearen Abfälle auf rund 705 000 Tonnen. „Dabei gibt es auch rund 60 Jahre nach dem Bau des ersten Atomkraftwerks noch kein einziges Endlager auf der Welt“, gibt Birol zu bedenken. Vor allem China werde viele neue Atomkraftwerke bauen, während die Bedeutung des Nuklearstroms in Europa und Japan voraussichtlich zurückgehe. Insgesamt werde die globale Stromerzeugung in der Atomkraft bis 2040 um rund 60 Prozent steigen.

          Trotz der Probleme hält die IEA den Ausbau der Nukleartechnik für richtig. Zu groß sei der Energiehunger der Welt: Die Experten erwarten, dass der weltweite Energieverbrauch in den kommenden 25 Jahren um mehr als ein Drittel steigen wird. In der Stromerzeugung würden die erneuerbaren Energien langfristig die Kohle als wichtigste Quelle ablösen. Grund dafür seien vor allem Subventionen. Allerdings weist die IEA zugleich darauf hin, dass die staatliche Subventionierung von klimaschädlichen Brennstoffen wie Öl und Kohle insgesamt viel höher sei als die Förderung von erneuerbaren Energiequellen wie Windkraft und Solarenergie. Vor allem im Nahen Osten und in Schwellenländern wie Indien setze die Politik durch Subventionen für fossile Brennstoffe noch immer falsche Anreize, beklagte Birol.

          Mit Sorge blickt die IEA auch auf den Ölmarkt. Zwar sei der starke Preisverfall in den vergangenen Monaten eine gute Nachricht für Länder, die auf Importe angewiesen seien. Doch könnten dadurch die Investitionen in die Erschließung neuer Quellen bedenklich sinken, befürchtet die IEA. Langfristig werde der Erdölverbrauch nämlich deutlich steigen, sagte Birol: von rund 90 Millionen Fass (zu 159 Liter) am Tag im vergangenen Jahr auf rund 104 Millionen Fass im Jahr 2040.

          Der Ölpreis ist seit dem Sommer um etwa ein Viertel auf rund 80 Dollar je Fass gefallen. Grund dafür ist die schleppende Weltkonjunktur und der starke Anstieg der Schieferölförderung durch Fracking in den Vereinigten Staaten. Birol warnte jedoch, die Welt dürfe sich nicht von den niedrigen Preisen „einlullen“ lassen. Im kommenden Jahrzehnt werde die amerikanische Schieferölproduktion zu bröckeln beginnen. Wegen der langen Investitionszyklen in der Branche gebe es bereits heute Handlungsbedarf.

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