https://www.faz.net/-1v0-7vmlz

Infektionsrisiken : Antibiotika-Notstand in der Medizin

Pilzkulturen aus der Sanofi-Naturstoffsammlung in Petrischalen Bild: dpa

Immer mehr Antibiotika werden unwirksam, die Opferzahlen steigen seit Jahren. Und der Bundesminister? Der tut bestürzt und pflegt die politische Tradition: im Hintergrund bleiben.

          2 Min.

          Die medizinischen Kompetenzen sind im Bundeskabinett zum Glück klar verteilt: Außenminister Steinmeier hat den Kittel an und übernimmt die Notfälle, Bundesgesundheitsminister Gröhe die Visite. Der eine reist ins Ebola-Krisengebiet nach Westafrika, um sein notfallmedizinisches Großprojekt „Weißhelme“ zur Seuchenabwehr möglichst bald in trockenere Tücher zu wickeln, der andere wundert sich zu Hause über resistente Keime und freut sich, wenn die „Rheinische Post“ seinen Appell abdruckt, „die weltweite Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen zu stoppen“. Der eine geht voran, der andere guckt aufs Papier und blickt zurück: In Deutschland, sagt Gröhe, gebe es schon seit 2008 einen Aktionsplan zur Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen. Jetzt sei die Weltgesundheitsorganisation ebenfalls damit beauftragt worden.

          Patienten sind auch dabei

          Guten Morgen, Herr Doktor, und wie war das mit unserem Patienten? 15 000 Menschen sterben jedes Jahr in deutschen Kliniken, bedauert Gröhe, weil sie mit Erregern infiziert sind, gegen die es kein wirksames Antibiotikum mehr gibt. Nicht vor 2007 wohlgemerkt, sondern heute. Tendenz weiter steigend. Seit mehr als einem Jahr versuchen Fachleute, unterstützt von Dutzenden Fachgesellschaften, Ärztekammern, von Forschungszentren und Patientenverbänden, von Stiftungen, von Krankenhausverbänden und von mehr oder weniger prominenten Personen des öffentlichen Lebens die Sprengkraft dieser heimischen Infektionskrise bewusst zu machen. Ihr gemeinsames Projekt heißt „Nationaler Aktionsplan gegen Sepsis“. Sepsis - landläufig „Blutvergiftung“ durch Keime - ist die schwerste Verlaufsform und Haupttodesursache von Infektionen im Land: 180 000 erwischt es jedes Jahr, 30 Prozent sterben daran, viele überleben nur verstümmelt. Ebola ist in Afrika auch deshalb so tödlich, weil die meisten Infizierten einen septischen Schock erleiden und die Intensivmedizin nicht zur Verfügung steht.

          Um sieben bis acht Prozent steigt die Sepsis-Häufigkeit hierzulande jedes Jahr, weil die Menschen erstens älter und anfälliger werden und zweitens weil die Hygienelücken und die Antibiotika-Ausfälle durch Resistenzen zunehmen. Es werden zu viele Antibiotika verschrieben und ans Mastvieh verfüttert. Das und noch viel mehr soll mit dem vom Ministerium hartnäckig ignorierten Aktionsplan angegangen, die Ausbildung der Ärzte verbessert und die Todesraten durch Früherkennung gesenkt werden. Bundesgesundheitsminister Gröhe ist aber offenbar nicht gekommen, um den Patienten zu therapieren. Er ist der Mann für die Visite. Vielleicht sollte man Berlin darüber informieren, wie viele Infektionsopfer im Ausland zu beklagen sind: acht Millionen Sepsis-Tote weltweit, jedes Jahr. Vielleicht besteht so zumindest die Chance, dass der Außenminister reagiert.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Topmeldungen

          Laschet bei seiner Rede zum virtuellen politischen Aschermittwoch der CSU im Februar

          Armin Laschet : Kanzlerkandidat mit Imageproblem

          CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet kämpft um seine Wirkung in der Öffentlichkeit. Die besondere Herausforderung dabei: sein unterlegener Konkurrent Markus Söder.
          Talkrunde bei Anne Will

          TV-Kritik: Anne Will : Freiheit ist kein Privileg

          Kaum sinken die Inzidenz-Zahlen, werden die Bürger ermahnt, nicht leichtsinnig zu werden. Muss das wirklich sein? Die Talkrunde bei Anne Will lotet das Verhältnis zwischen Vernunft und Bevormundung aus – zumindest hatte sie das eigentlich vor.
          Udo Lindenberg während seiner Tournee 2019 in Hamburg

          Panikrocker wird 75 : „Udo Lindenberg ist wie eine Kunstfigur“

          Wer ist der Mann, der die Bühnen seit Jahrzehnten prägt und die deutsche Sprache in der Popmusik salonfähig gemacht hat? Udo Lindenberg im Gespräch über Alkoholabstürze, einsame Corona-Stunden im Hotel Atlantic und die Aktion #allesdichtmachen.
          Coronavirus-Test in Niedersachsen

          Corona in Deutschland : RKI registriert 5412 Neuinfektionen

          Das Infektionsgeschehen in Deutschland flaut weiter ab. Wegen des Feiertags vergangene Woche müssen die Werte aber mit Vorsicht interpretiert werden. In einigen Bundesländern endet die Priorisierung beim Impfen in Arztpraxen.