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Hochschule : Bei Mama ist’s am besten

Nesthocker werden

Wissenschaftler haben noch andere Einwände gegen das „Hotel Mama“. „Ein Kinderzimmer bleibt ein Kinderzimmer mit allen Abstrichen bei der Privatsphäre, die man eben machen muss, wenn man unter einem Dach lebt“, sagt die Entwicklungspsychologin Christiane Wempe, die sich seit vielen Jahren mit einem Phänomen beschäftigt, das die Fachwelt als „Nesthocker-Syndrom“ kennt. Finanzielle Engpässe und eine wenig autoritäre Erziehung trieben immer mehr junge Menschen dazu, das Elternhaus als eine gute Wohnform zu betrachten, glaubt Wempe.

„Das hat oft zur Folge, dass die Kinder langsamer erwachsen werden.“ Ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Eltern und dem erwachsenen Nachwuchs, in dem die Kinder sich nicht bevormundet und die Eltern sich nicht ausgenutzt fühlten, gelinge nur selten.

Der Erziehungswissenschaftler und Psychologe Albert Wunsch warnt sogar, dass Studienerfolg und Berufsstart gefährdet sein könnten, wenn die Abnabelung junger Menschen vom Elternhaus zu spät erfolgt. „Wie soll jemand in der Arbeitswelt bestehen, der noch nicht einmal gelernt hat, dass sich der Kühlschrank nicht von allein füllt und die Wäsche sich nicht von selbst aufhängt?“, fragt er.

Wenn, dann mit Putzplan

Wunsch sieht aber auch, dass es in Zeiten der Mietexplosion in den Studentenstädten oft nachvollziehbar ist, das Elternhaus der Studentenbude vorzuziehen. „Damit ein Zusammenleben zwischen Eltern und erwachsenen Kindern funktioniert, muss es gestaltet werden wie in einer WG“, sagt Wunsch. „Wenn jeder mal kocht, aufräumt und den Mülleimer ausleert, wenn im Bad ein Putzplan hängt und auch die Söhne und Töchter mal die Wasserkästen nach oben schleppen, dann ist es für die Entwicklung junger Menschen beinahe egal, ob die Mitbewohner Mama und Papa, Freund oder Freundin oder wildfremde Zweck-WG-Genossen sind.“

Familie Hock versucht in vielerlei Hinsicht, diesen Rat zu leben. Zwar findet es Veronika Hock nicht immer einfach, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass auch sie die Spülmaschine einräumen kann, ohne durch Platzverschwendung die Wasserrechnung nach oben zu treiben. Doch gibt es etwa Arrangements darüber, wer wann wo aufräumt und staubsaugt. „Meine Eltern haben auch sehr darauf gedrungen, dass ich einen Studentenjob habe und eigenes Geld verdiene“, berichtet sie. „Nicht nur um Erfahrung in der Berufswelt zu sammeln, sondern auch als ein kleines Zeichen der Anerkennung dafür, dass ich zu Hause bleiben darf.“ Zwar reicht ihr Verdienst als Übungsleiterin einer Kindersportgruppe nicht aus, um Miete an die Eltern zu bezahlen, doch kann sie damit einen guten Teil ihrer persönlichen Ausgaben bestreiten und Spritgeld in die Familienkasse zahlen, wenn sie einmal das Auto der Eltern nutzen möchte.

Party? Och nö.

Privatsphäre und Unabhängigkeit vermisst sie im Dachgeschoss des großzügigen Einfamilienhauses nicht. „Aber natürlich habe ich kein klassisches Studentenleben in dem Sinn, dass ich wochenlang ständig abends Party machen könnte“, berichtet sie. „Dafür ist Frankfurt schlicht zu weit weg. Ich habe aber auch kein großes Bedürfnis danach.“

Die Zahl der jungen Leute, denen dieses Bedürfnis fehlt und die stattdessen das elterliche Zuhause auch nach dem Abitur noch lange schätzen, dürfte in nächster Zeit weiter wachsen, prognostiziert Christiane Wempe. Ihre neueste Forschung beschäftigt sich mit erwachsenen Kindern aus binationalen Familien. „In vielen Kulturen ist es einfach unüblich auszuziehen, bevor man heiratet“, sagt Wempe. Und ein immer höherer Anteil junger Deutscher mit ausländischen Wurzeln gehe heutzutage an die Universität. „Wir haben festgestellt, dass es in vielen Sprachen, die in den Herkunftsländern von Migranten gesprochen werden, noch nicht mal ein Wort für die Ablösung vom Elternhaus gibt.“

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