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Hirnforschung, was kannst du? : Technik, die unter die Haut geht

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Zugriff zum Gehirn. Bild: Daimler-Benz-Stiftung

Die Ära der Cyborgs ist angebrochen. Auf der WM-Eröffnungsfeier in Brasilien spielte ein Querschnittgelähmter dank Roboter-Exoskelett den ersten Ball. Hirnforschung nährt damit Visionen, doch die Verschmelzung von Mensch und Maschine hat Grenzen.

          Erwartungen an die Hochtechnologie, Heilsversprechen von Wissenschaftlern, Ängste vor Cyborgs sowie das ethische Dürfen und das gesellschaftliche Wollen sind nur einige Aspekte in dem komplexen Umfeld neurotechnischer Implantate. Nicht immer wird das öffentliche Bild durch Expertenwissen geprägt. Wunsch- und Wahnvorstellungen, die in die Zukunft projiziert werden, können Ängste wecken, aber auch Hoffnungen, die nie erfüllt werden können. Gedanken von Menschen auszulesen, die die intimsten Gefühle betreffen, das gesamte Gehirn ins Internet zustellen oder Bevölkerungsgruppen fernzusteuern, sind beliebte Szenarien in Science-Fiction-Filmen, ebenso wie die Erzeugung von Mensch-Maschine-Hybriden mit übermenschlichen Fähigkeiten. Dass Hirnforschung und Technik dazu prinzipiell jemals in der Lage sein werden, bleibt zu bezweifeln. Nicht jedes wissenschaftliche Grundlagenwissen kann in ein Hilfsmittel zum Alltagsgebrauch für Menschen überführt werden. Zwischen Fiktion, Grundlagenforschung und klinischem Langzeiteinsatz am Menschen muss unterschieden werden.

          Tatsache ist, dass technische Hilfsmittel in der Medizin schon seit Jahrtausenden eingesetzt werden. Schon im Altertum wurden chirurgische Instrumente benutzt und aus Holz geschnitzte Zehenprothesen in Gräbern vorgefunden. Hölzerne Arm- und Beinprothesen stellten über Jahrhunderte einfachsten Ersatz zur Verfügung. Mit der „eisernen Hand“ des Götz von Berlichingen im 16. Jahrhundert wurde erstmals die Funktion der Finger nachgebildet, ohne diese Funktion jedoch ansteuern zu können. Nachdem Volta und Galvani im 18. Jahrhundert entdeckt hatten, dass Muskeln und Nerven elektrische Signale übertragen und elektrisch gereizt werden können, wurde versucht, dieses Wissen in der Medizin anzuwenden.

          Neurotechniker Thomas Stieglitz.

          Seit 1958 nutzt man bei voll implantierbaren Herzschrittmachern diese Erkenntnis. Durch elektrische Impulse regen sie das Herz zum Schlagen an, wenn das natürliche Erregungssystem dies nicht mehr macht. Jedes Jahr erhalten mehrere Hunderttausende Menschen weltweit durch diese Implantate ein zweites Leben geschenkt. Neben dem Herzen sind auch alle Nerven im Körper elektrisch erregbar. Die Neurowissenschaften versuchen die Funktionen und das Zusammenspiel von Gehirn, Rückenmark und den Informationen aus der Peripherie des Körpers und durch die Sinnesorgane zu verstehen sowie die Steuerung von inneren Organen und Muskeln durch körpereigene elektrische Signale. Ergänzt und verstärkt von klinisch tätigen Medizinern, Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten die Neurotechnik - das „Neural Engineering - entwickelt. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Hilfsmittel zur Therapie neurologischer Erkrankungen und zur Rehabilitation zu entwickeln, indem sie technische Systeme mit dem Nervensystem in Kontakt bringt.

          So wie bei der Entwicklung von Diagnosegeräten zur Durchleuchtung des Menschen und zur Darstellung des Körperinneren die Angst vor einer Entfremdung des Patienten vom Arzt und von seinen Fähigkeiten zu Diskussionen unter dem Schlagwort der „Apparatemedizin“ geführt hat, so ist die Entwicklung von Implantaten stets begleitet von der Angst, ein „Maschinenmensch“, ein „Cyborg“, zu werden.

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