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: Heizen mit Abwärme

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Frankfurt, 3. Januar. Manche große Lösung kann in der Konzentration auf kleine Einheiten liegen. In der Energiepolitik müsse man sich endlich vom Größenwahn ...

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          Frankfurt, 3. Januar. Manche große Lösung kann in der Konzentration auf kleine Einheiten liegen. In der Energiepolitik müsse man sich endlich vom Größenwahn verabschieden, meint Berthold Müller-Urlaub. Dezentrale Stromerzeugung sei viel flexibler als zentrale in Großkraftwerken, wenn sie intelligent vernetzt wird und sie ermöglicht zusätzlich die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), weil die Wärme dort anfällt, wo sie gebraucht wird. „Das für die Stromübertragung von Nord nach Süd benötigte Hochspannungsnetz trifft auf große Widerstände“, sagt er, außerdem sei es zu teuer. Um die Energie zu den Verbrauchern zu bringen, sei das Gasnetz viel besser geeignet - erstens liegt es schon, zweitens kann es den Energieträger speichern, was beim Strom nicht möglich ist.

          Wie so etwas gehen kann, zeigt Müller-Urlaub im eigenen Betrieb. Der Präsident des Bundesverbands Kraft-Wärme-Kopplung ist zugleich Hauptgeschäftsführer der EVH GmbH, die Halle mit Energie versorgt. In den großen Städten Ostdeutschlands ist schon zu Zeiten der DDR Fernwärme über Rohrleitungen in die Häuser gebracht worden, sie stammte damals aus Braunkohlekraftwerken. Heute wird der Strom in hochmodernen Gaskraftwerken produziert und die Wärme in Form von 130 Grad heißem Dampf durch die Leitungen geschickt. Für die Kunden ist das günstiger als eine eigene Zentralheizung. Überschüssige Wärme wird in einem Tank von 7000 Kubikmetern Fassungsvermögen gespeichert. Das reicht, um ein paar Stunden abzupuffern. Da der Strombedarf aber auch über die Woche schwankt, ist ein neuer Wärmespeicher geplant. Mit einer Höhe von 45 Metern und einem Fassungsvermögen von 50 000 Kubikmetern Wasser wird er der größte Europas. Die zwei im Jahr 2005 in Betrieb genommenen Kraftwerksblöcke in Halle (es gibt noch ein älteres Kraftwerk in Trotha) leisten 96 Megawatt elektrisch und 100 Megawatt thermisch. Der Brennstoffnutzungsgrad liege zwischen 85 und 90 Prozent, rechnet Müller-Urlaub vor. Konventionelle Kraftwerke, die ihre Abwärme an die Luft oder Flüsse abgeben, liegen bei etwa 35 Prozent.

          Jenen, die nicht an die Fernwärme angeschlossen sind, hilft die EVH mit Insellösungen weiter. Dort werden sogenannte Blockheizkraftwerke (BHKW) installiert, die ebenfalls rund 90 Prozent des verbrannten Gases in Strom und Wärme umsetzen. Die Anlagen dazu gibt es von vielen Herstellern in unterschiedlichen Leistungsstufen, auch die großen Heizungsbauer haben sie im Angebot. Ein gasbetriebener Verbrennungsmotor treibt dabei ein Stromaggregat an, die Abwärme wird für die Heizung genutzt. Überschüssige Wärme landet in einem Speicher, nicht gebrauchter Strom wird an das Netz abgegeben. Hier schließt die Idee der Schattenkraftwerke an: Durch Vernetzung der BHKW und die Möglichkeit für den Energieversorger, sie bei Bedarf von der Zentrale aus zuzuschalten, können große Kraftwerke ersetzt werden. Müller-Urlaub verweist dabei auf wissenschaftliche Untersuchungen, wonach die Belastung des Stromnetzes durch dezentrale Erzeugung aus dem Gasnetz auf die Hälfte reduziert würde. „Sich selbst den Strom herstellen zu können hat außerdem den Vorteil einer gewissen Autarkie, falls das Netz mal zusammenbricht“, sagt er.

          Die Idee an sich ist nicht neu. Vor drei Jahren hat der Hamburger Energieanbieter Lichtblick sein Konzept vorgestellt, Mini-KWK-Anlagen zu vernetzen; Lichtblick nennt das Schwarmstrom. Von den langfristig angepeilten 100 000 Blockheizkraftwerken mit der Gesamtkapazität von zwei Atomkraftwerken sind derzeit 600 in Betrieb. Die Strukturen hätten erst aufgebaut werden müssen, erklärt Katinka Königstein von der Unternehmenskommunikation, Lichtblick sei im Schwarmstrom dieser Größenordnung Pionier. Die Anlagen kommen von VW, sind allerdings für ein Einfamilienhaus zu groß; sie fangen bei einem Wärmebedarf von 40 000 Kilowattstunden im Jahr an, das entspricht etwa 5000 Litern Heizöl. Dafür investitiert Lichtblick mindestens 27 000 Euro. Kunden sind Schulen, Kommunen, Kirchen und die Besitzer von Mehrfamilienhäusern.

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