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Handschriften für Salem : Kuhhandel mit Büchern

Ausverkauf in Karlsruhe: Schloß Salem wird gerettet, die Badische Landesbibliothek verliert dafür wertvolle Handschriften.

          Das Land Baden-Württemberg wird hochbedeutende Handschriften aus der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe verkaufen, die auf dem internationalen Kunstmarkt insgesamt siebzig Millionen Euro einbringen sollen. Offiziell gibt es zwar noch immer keine Informationen über die getroffene Auswahl, aber um - ausschließlich mit Handschriften - eine derartig hohe Summe auf dem Kunstmarkt zu erlösen, muß die Schatzkammer ausgeräumt werden. Zum Vergleich: Den „Codex Hammer“, das letzte, auf dem Markt befindliche Manuskript des Leonardo da Vinci, kaufte 1994 Bill Gates in einer Auktion für 30,8 Millionen Dollar, damals 47 Millionen Mark. Als 1992 das Land Baden-Württemberg die Fürstenberg-Handschriften erwarb, kostete das gesamte (mehr als tausend Stücke umfassende) Konvolut 48 Millionen Mark. Für die Handschrift C des Nibelungenlieds waren dann noch einmal knapp zwanzig Millionen Mark fällig.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die Handschriften, um die es nun geht, kamen mit den Sammlungen der Markgrafen von Baden in die Landesbibliothek Karlsruhe, die 1918 aus der Großherzoglichen Hof- und Landesbibliothek hervorgegangen ist; es sind rund 3500 der 4200 Handschriften des heutigen Bestands, so Bibliotheksdirektor Peter Michael Ehrle. Darunter sind Kostbarkeiten wie das Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden, in Paris um 1490 entstanden - aber auch Zimelien aus einstigem Klosterbestand, wie das Stundenbuch der Markgräfin von Brandenburg oder das Evangelistar des frühen 13. Jahrhunderts aus St. Peter im Schwarzwald. Der Marktwert eines solchen Stundenbuchs mag um drei Millionen Euro liegen, zweistellig wird er etwa beim großformatigen, reich illuminierten „Electorium“ des Raimundus Lullus.

          Hintergrund der Auseinandersetzung ist die strittige Rechtslage zwischen dem Land und den Markgrafen, die nach wie vor Rechtsansprüche erheben auf kulturelle Güter, deren Gesamtwert, inklusive der Handschriften, auf 250 bis 300 Millionen Euro geschätzt wird. Die Landesregierung scheint ein Risiko darin zu sehen, daß, im denkbaren Fall einer juristischen Entscheidung zugunsten des Hauses Baden, der gesamte Bestand abgezogen werden könne, deshalb heißt der Handel: Dieses Kulturgut geht an das Land Baden-Württemberg über. Die Handschriften und das Schloß Salem (im Besitz der Markgrafen) gehen in eine zu gründende „Stiftung Schloß Salem“ ein, um die Erhaltung der Anlage sicherzustellen. Von den durch die Handschriften eingenommenen siebzig Millionen Euro sollen dreißig Millionen die Kosten decken, die das Haus Baden bereits in die Sanierung investiert hat; weitere vierzig Millionen für den zukünftigen Unterhalt Salems bereitstehen.

          Natürlich ist Salem ein hochrangiges Kulturgut. Aber der Versuch, den Ausverkauf der Karlsruher Handschriften dagegen aufzuwiegen, ist grotesk. Daß es die Handschriften trifft, hat ganz schlicht mit deren geringer Öffentlichkeitswirksamkeit im großen Korb mit Gemälden oder „Türkenbeute“ zu tun - traurig aber wahr.

          Die Aussichten für die Zimelien ist alles andere als rosig. Als möglicher Käufer in diesen Höhen kommt tatsächlich das Getty Museum in Kalifornien in Betracht, aber auch der internationale Antiquariatshandel. Es ist bekannt, daß zum Beispiel der amerikanische Markt eine große Vorliebe für die Illuminationen hegt, nicht allerdings für den Rest der Bände: Aufgeteilt und ausgeweidet kehren sie dann nicht selten zu geringeren Preisen in einen mittleren Markt zurück. Die Abwanderung ins Ausland wird jedoch kaum aufzuhalten sein; denn keine der Karlsruher Handschriften ist auf der Liste des nationalen Kulturguts verzeichnet - aus einem simplen Grund: Die Bibliothek, die sich als Eigentümerin wähnte, hatte diesen Schritt nicht zu tun, und die Markgrafen von Baden können an einem Ausfuhrverbot wahrlich kein Interesse gehabt haben.

          Um den Gegenwert der angestrebten siebzig Millionen Euro zusammenzubringen, wird die Sammlung der Badischen Landesbibliothek in ihrem Kern zerschlagen werden müssen. Unberüht bleiben natürlich die Nibelungen-Handschrift C und die Fürstenbergschen Bestände, die ja erst später erworben wurden - zugespitzt formuliert: Sie werden dann aber auch alles sein, was bleibt. Kommt es tatsächlich dazu, so ist wohl von einer neuen historischen Realität zu sprechen: Niemals bisher sind Kulturgüter in vergleichbarer Höhe vom Staat veräußert worden - auch ein Rekord. Gering ist die Hoffnung auf den Landtag.

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