https://www.faz.net/-1v0-pmay

: Grenzen einer Strategie

  • Aktualisiert am

PARIS, 8. NovemberDer Luftangriff auf den französischen Militärstützpunkt in Bouaké dürfte einen Wendepunkt im komplexen Verhältnis zwischen Frankreich und dem afrikanischen Staat Elfenbeinküste markieren.

          3 Min.

          PARIS, 8. November

          Der Luftangriff auf den französischen Militärstützpunkt in Bouaké dürfte einen Wendepunkt im komplexen Verhältnis zwischen Frankreich und dem afrikanischen Staat Elfenbeinküste markieren. In Paris gilt dabei als sicher, daß die französischen Soldaten nicht "versehentlich" zur Zielscheibe der vom ivorischen Präsidenten Laurent Gbagbo angeheuerten Söldner geworden sind. Der Tod der neun Franzosen, die als "Friedenshüter" entsandt worden waren, hat Frankreich die Grenzen seiner Strategie aufgezeigt, die voraussetzte, in der ehemaligen Kolonie als ehrlicher Makler im innerivorischen Konflikt akzeptiert zu werden.

          Die mit einem Mandat der Vereinten Nationen entsandten französischen Soldaten haben sich nicht dagegen wehren können, als Konfliktpartei in den ivorischen Krieg verstrickt zu werden. Präsident Jacques Chirac sah sich gezwungen, die erklärte Neutralität aufzugeben. Er ordnete nach dem Luftangriff an, die Fluggeräte der ivorischen Luftwaffe - zwei Kampfjets und fünf Hubschrauber - flugunfähig zu machen, damit Gbagbo seinen Luftkrieg nicht fortsetzen konnte. Die Luftwaffe hatte Gbagbo schon am Vortag gegen Stellungen im nördlichen Landesteil eingesetzt, was einen klaren Bruch der Vereinbarung von Marcoussis darstellte. Chirac hatte auf die unter französischem Druck in einem Pariser Vorort im Januar 2003 ausgehandelte Vereinbarung gesetzt, um die Lage in dem von kriegerischen Auseinandersetzungen zerrissenen Land zumindest zu konsolidieren.

          Noch immer ist die französische Diplomatie davon überzeugt, daß ein Rückzug der Truppen unter UN-Mandat keine ernsthafte Option darstellt. Paris fürchtet dabei nicht nur um seine wirtschaftlichen Interessen und die Sicherheit der etwa 14 000 Franzosen, die in der Elfenbeinküste leben. Für Staatspräsident Chirac stellt die ivorische Krise den Anspruch Frankreichs auf die Probe, in Afrika und anderswo als Garant für Frieden und Stabilität wahrgenommen zu werden. In der französischen Öffentlichkeit haben die Berichte über die antifranzösischen Ausschreitungen und Plünderungen Entsetzen und Empörung hervorgerufen. Auf Unverständnis sind die Drohungen des Präsidenten der ivorischen Nationalversammlung, Mamadou Koulibaly, gestoßen, der im französischen Radio Frankreich einen "langen und schweren Krieg" vorhersagte, "Vietnam wird nichts dagegen sein", sagte Koulibaly den französischen Radiohörern. Der Vorwurf, in der Elfenbeinküste eine neokoloniale Politik zu betreiben, entspricht nicht der Selbstwahrnehmung der meisten Franzosen. Chirac, der in der Außenpolitik wesentlich mehr Zustimmung der Bevölkerung erfährt als in der Innenpolitik, wird bei seinen Landsleuten seit seinen Protesten gegen den Irak-Krieg der Amerikaner und Briten als Friedensstifter wahrgenommen.

          Für Chirac verspricht nur eine politische Lösung eine Erfüllung des Ziels, die Elfenbeinküste vor einem weiteren Abgleiten in Chaos und Krieg zu bewahren. Am Montag richtete er versöhnliche Worte an die Elfenbeinküste, die er als "Freund Frankreichs" bezeichnete. Zugleich machte er klar, daß Frankreich seine Landsleute notfalls auch mit Waffengewalt schützen werde. Aus dieser Sicht ist es folgerichtig, daß Frankreich sich jetzt im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen um ein "robustes Mandat" für die Elfenbeinküste bemüht, was ein Waffenembargo und eine Schußerlaubnis für französische Soldaten zum Inhalt haben soll. Zusammen mit der Verstärkung der Truppen um 600 Mann soll damit der Druck auf die Konfliktparteien erhöht werden, das Abkommen von Marcoussis zu respektieren.

          Unwiederbringlich hat jedoch Präsident Gbagbo seine Glaubwürdigkeit gegenüber der französischen Staatsführung verspielt. Hier liegt der eigentliche Wendepunkt, denn bislang hat Gbagbo es trotz tiefer Zerwürfnisse immer wieder geschafft, die Türen zum Elysée-Palast zu öffnen. Er hat lange Zeit von seiner Stellung als "Kamerad" der Sozialistischen Internationale in Paris profitiert. Nach seinem nicht nur mit demokratischen Mitteln erzielten Aufstieg im Jahr 2000 ins Präsidentenamt verdankte es Gbagbo dem sozialistischen Premierminister Lionel Jospin, daß Paris ihn als legitimen Staatschef anerkannte. Präsident Chirac wollte die Kohabitation mit seiner Linksregierung nicht gefährden und stimmte schließlich zu. Immerhin hatte Gbagbo während seines Exils in Vitry-sur-Seine viele französische Genossen kennengelernt, die ihn als zuverlässig und Frankreich freundschaftlich gesinnt bewerteten. "Wir haben ihm den roten Teppich ausgerollt, und er hat darauf gepinkelt", sagte ein französischer Sozialist im Rückblick der Zeitung "Le Monde".

          Seit er den früheren Außenminister de Villepin in Abidjan seinen Demonstranten auslieferte, ist Gbagbo auch in der sozialistischen Parteizentrale nicht mehr gern gesehen. "Wir haben keine geheime Agenda. Alles, was wir in der Elfenbeinküste anstreben, ist Sicherheit und Ordnung", sagte Außenminister Barnier. Doch nicht nur unter Diplomaten wird darüber diskutiert, ob diese Absicht verhindern kann, daß Frankreich wie vormals in Ruanda in einen Strudel von Gewalt und Haß gerät.

          Topmeldungen

          Eine Entscheidung über eine allgemeine Impfpflicht soll zeitnah fallen.

          F.A.Z. Frühdenker : Wann kommt die Impfpflicht?

          Die Pläne für die Impfpflicht werden konkreter. Die NATO berät über den Umgang mit Russland. Und die Verbraucherrechte im Internet werden gestärkt. Der F.A.Z.-Newsletter.