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Glücksspiel : Gewinner ist immer die Bank

Singapurs Casino-Tempel: Hotelkomplex Marina Bay Sands Bild: dapd

Die Asiaten lieben das Glücksspiel. Davon wollen immer mehr Casinobetreiber und Staaten profitieren. Die Regierung in Singapur etwa hat lange mit sich gerungen, ob sie das organisierte Glücksspiel erlauben soll. Dann siegte die Gier.

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          Rajib und Salim sitzen seit Stunden an den Spielautomaten. Zwischendurch ein Gang zum Roulettetisch, dann zurück an die Maschinen. Ausgestattet mit 500 und 800 Singapur-Dollar (rund 470 Euro), ist das Spielen heute der Job der beiden. Mehrmals in der Woche schickt ihr Arbeitgeber die beiden Bangladeschi in das schicke Casino Resort World Sentosa in Singapur. Auf seine Rechnung sollen sie dort gewinnen. 10 Prozent von jedem Überschuss dürfen sie behalten. Verlieren sie mehr als 500 Dollar, wird ihnen das Minus von ihrem Lohn von knapp 1000 Dollar abgezogen.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Der Bericht der staatlichen Zeitung „The Straits Times“ über die ungewöhnlichen Gäste im neuen Casino Singapurs schlug im reichen Stadtstaat Wellen. Letztlich aber zeigt er nur, wie verführbar gerade Asiaten für das Glücksspiel sind. So legte der Casinoumsatz in der Region im vergangenen Jahr um 50 Prozent zu. In diesem Jahr dürften weitere knapp 40 Prozent Wachstum folgen. Schon 2013 soll Asien-Pazifik zur größten Glücksspielregion der Welt herangewachsen sein, schätzen die Analysten von Pricewaterhouse Coopers (PwC).

          Kostenloser Kaffee

          Die Chefs, die ihre Arbeitnehmer an die Spieltische oder einarmigen Banditen Singapurs schicken, haben meist selbst Eintrittsverbot in die Casinos. Hinzu kommt, dass Ausländer - und damit auch Gastarbeiter aus Südasien - kostenlos in die beiden neuen Spielcasinos des Inselstaates dürfen. Singapurer aber müssen 100 Singapur-Dollar Eintritt zahlen. Das soll sie davon abhalten, der Spielsucht zu verfallen. Für die Arbeiter ist der Gang ins kühle Casino eine willkommene Unterbrechung des schweißtreibenden Schuftens in der Tropensonne. Die Spielhöllen sind schick, voll klimatisiert und bieten kostenlosen Kaffee an.

          Letzte Prüfung vor dem Einsatz der Banditen
          Letzte Prüfung vor dem Einsatz der Banditen : Bild: AP

          Lange hat der Stadtstaat mit sich gerungen, ob er das organisierte Glücksspiel erlauben sollte. Dann siegte die staatliche Gier. Denn das Glücksspiel zieht Gäste aus Indonesien und China auf die Tropeninsel, von denen nicht wenige hier wohl ihr Schwarzgeld waschen. Ein Privatflughafen erlaubt es den sehr gut Betuchten, direkt einzufliegen. Die Ehefrauen können, während der Mann spielt, den schicksten Louis-Vuitton-Shop Asiens besuchen oder die Luxusboutiquen von Hermès, Chanel oder Zegna plündern - alles direkt vor den Toren des Casinos.

          Hohe Investitionen aus dem Ausland

          Inzwischen ist auf der winzigen Tropeninsel enormer Reichtum versammelt. Die Bevölkerung von rund fünf Millionen Menschen zählt heute 183.000 Millionäre, gerechnet in amerikanischen Dollar. Innerhalb von nur fünf Jahren soll ihre Zahl auf mehr als 400.000 steigen, schätzt die Bank Credit Suisse. Da bleibt genug in der Tasche für einen Abend im Spielcasino.

          Damit steht Singapur ganz und gar nicht allein. Denn wie sich Geld im Spiel verdienen lässt, bewies vor dem Stadtstaat schon die der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong vorgelagerte Insel Macao. Einst ein Hort der Triaden, hat sie sich in einer Dekade und unter tatkräftiger Mithilfe der Investoren aus Las Vegas zum glitzernden Glücksspielzentrum Asiens gemausert. Mit gut 23 Milliarden Dollar setzten Macaos Casinos im vergangenen Jahr schon mehr als das Doppelte dessen um, was in Las Vegas verspielt wurde.

          Kein Wunder, dass die amerikanischen Glücksspielkonzerne hier stark investiert sind. Hinzu kommen Hunderte legaler und illegaler Glücksspielhäuser auf den Philippinen, in Thailand, Kambodscha oder in Burma (Myanmar) entlang der chinesischen Grenze.

          Spieltische im Casino
          Spieltische im Casino : Bild: AP

          Das Zocken ist krisenfest. Im Rezessionsjahr 2009 wuchs Macaos Spieleumsatz immer noch um knapp 10 Prozent, nach 31 Prozent 2008. Kein Wunder, dass nun sogar Japan die Genehmigung des staatlich organisierten Glücksspiels prüft, wobei die Eintrittgebühr in den Wiederaufbau nach dem Tsunami fließen soll. Selbst im kommunistischen Vietnam soll mit dem MGM Grand Ho Tram 2013 das erste Großcasino eröffnen.

          Wachsendes Glücksspiel

          Die Einnahmen der Spielhäuser Asiens, gerechnet als Einsatz minus Gewinn, dürften jährlich um durchschnittlich 18,3 Prozent auf knapp 80 Milliarden Dollar 2015 steigen. Im vergangenen Jahr lagen sie schon bei 34,3 Milliarden Dollar. Damit blieben sie noch hinter der Summe Amerikas mit 57,5 Milliarden Dollar zurück. Aufgrund einer Wachstumsrate von nur noch 5 Prozent jährlich aber wird Amerikas Spielumsatz bis 2015 nur auf 73,3 Milliarden Dollar zulegen. Der Anteil der Asiaten am Weltmarkt des Glücksspiels wächst so von derzeit knapp 30 auf dann 43,4 Prozent.

          „Singapur hat sich seit der Eröffnung der beiden Casinos hervorragend geschlagen. Seine größte Gefährdung lauert aber in anderen Ländern wie Japan, Südkorea, Thailand oder Vietnam, die den Zuwachs an Steuer- und Touristengeldern ins Auge fassen, den Singapurs Erfolg demonstriert hat“, sagt Greg Unsworth, Analyst für den Spielemarkt bei PwC. „Wie Singapur in den vergangenen zwei Jahren gezeigt hat, kann das wachsende Ansehen eines Standortes und die Zahl der Touristenankünfte, die das Casino-Glücksspiel hervorrufen, Städten und ganzen Regionen enorm helfen“, sagt Marcel Fenez, der das Unterhaltungsgeschäft für PwC beobachtet. Weltweit stieg der Casino-Umsatz im vergangenen Jahr um 9,6 Prozent - und dies, obwohl im Krisenjahr den Menschen im Westen die Lust am Zocken verging und der Umsatz dort um 7,2 Prozent schrumpfte.

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