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Glosse Feuilleton : Mailers Unterteufel

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Was für ein Raconteur! Hat er nach einem dionysischen Räusperanfall erst einmal seinen Reibeisenbass in Schwingung versetzt, ist ihm das Publikum verfallen. Anekdoten, aber auch Geständnisse, Bekenntnisse und zuverlässig verquere Einsichten sprudeln wie aus einer unversiegbaren Quelle.

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          Was für ein Raconteur! Hat er nach einem dionysischen Räusperanfall erst einmal seinen Reibeisenbass in Schwingung versetzt, ist ihm das Publikum verfallen. Anekdoten, aber auch Geständnisse, Bekenntnisse und zuverlässig verquere Einsichten sprudeln wie aus einer unversiegbaren Quelle. So war es am Abend, als er im Hunter College einen Auftritt hinlegte, und so ist es am nächsten Tag, als er ein paar Journalisten aus Übersee Rede und Antwort steht. Norman Mailer, der Ende des Monats vierundachtzig Jahre alt wird, schleppt sich an zwei Stöcken in den Raum, verpackt in dicke Westen. Er hört nicht mehr gut, seine Beine stecken in kniehohen Wärmestiefeln, und seine legendäre Angriffslust kleidet sich nun in eine knurrig verschmitzte Freundlichkeit. In seiner geistigen Frische und Unberechenbarkeit kann es der alte Revoluzzer aber noch mit jedem jungen Spund aus dem Literaturgewerbe aufnehmen. Wer glaubt, alles sei bekannt, alles sei gesagt über Mailer und sein wechselvolles Werk, kann sich gleich belehren lassen. Auch über seinen neuen Roman "The Castle in the Forest" (F.A.Z. vom 20. Januar), der Kindheit und Jugend Adolf Hitlers in phantasmagorische Farben taucht, hat er einiges Überraschendes zu sagen. "Hitler's Mother" wollte er das Buch eigentlich nennen, weil ihn zunächst die Mutter, die den Sohn verhätschelte, bevor er sich in ein Monster verwandelte, in Bann schlug. Beim Schreiben sei es anders gekommen. Denn ein Roman lasse sich nicht planen. Es ist, sagt Mailer, wie wenn man sich verliebt. Mystisch geht es also zu. Was Wunder, dass er zwei metaphysische Großbürokratien entdeckte, die eine unter göttlicher, die andere unter teuflischer Regie, und sie beide sogleich in die Handlung einbaute. Das Ergebnis ist eine Art "Faust III", ein Psychothriller, also eine Geschichte über einen Kampf um eine Menschenseele. Jemand wie Mailer, der mit Gott und dem Teufel auf vertrautem Fuß steht, braucht dafür keine allegorische Übersetzung. Er freut sich, dass es da wenigstens etwas Existentielles zu verhandeln gibt. Existentiell, sagt er verschlagen, ist mein Lieblingswort. Gott sei Dank ist es nicht die von ihm neu, im deftigsten Pseudodeutsch erfundene Vokabel: Inzestuarier. Und so meditiert, räsoniert und schwadroniert er weiter, über seinen Linkskonservatismus, den er lieber nicht näher definieren mag, über den Unterschied zwischen einem Bordellbesuch und einer Liebesaffäre, über das Wunder jener seltsamen Erkundungsform namens Roman, die besser an die Wahrheit herankommt als alle von Natur aus wahrheitsverbiegenden Fakten, und über seine Fundamentalarbeit an unserem Bewusstsein, das zu öffnen er sich seit sechs Jahrzehnten vorgenommen hat. Jeder Unterteufel, ob von Mailer ersonnen oder nicht, könnte jetzt behaupten, es mache mehr Spaß, dem Autor zuzuhören, als sein jüngstes Buch zu lesen. Aber das wäre eben eine rein teuflische Ansicht. J.M.

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