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Geldmarkt : EZB besänftigt die Nervosität im Handel

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Kreditinstitute benötigen Liquidität, um bei der Zentralbank die vorgeschriebene Mindestreserve zu unterhalten und den Bargeldbedarf der Kundschaft zu befriedigen. Die Zentralbank wird dem Geldmarkt frühzeitig Liquidität für den Jahresultimo bereitstellen, um Engpässe zu vermeiden.

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          Die Europäische Zentralbank (EZB) hat am Freitag weitere Maßnahmen zur Beruhigung der angespannten Lage am Geldmarkt angekündigt. So wird sie den Banken am 19. Dezember Kredite mit Laufzeit bis zum 4. Januar 2008 anbieten, also über den Jahresultimo hinaus. Die Maßnahmen sollen die Sorgen an den Finanzmärkten besänftigen, dass es aufgrund der Krise an den Kreditmärkten zum Jahresschluss im Interbankenhandel mit Liquidität zu einem Austrocknen des Marktes und stark steigenden Zinsen kommt.

          Kreditinstitute benötigen Liquidität (genauer: Zentralbankgeld), um bei der Zentralbank die vorgeschriebene Mindestreserve zu unterhalten, ferner um den Bargeldbedarf ihrer Kundschaft befriedigen zu können. Zudem brauchen sie Liquidität zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs. Über regelmäßige Refinanzierungsgeschäfte stellt die EZB den Geschäftsbanken die benötigte Liquidität gegen Zinsen zur Verfügung. Über den Geldhandel wird die Liquidität dann nach den täglich wechselnden Bedürfnissen der einzelnen Banken hin- und herverteilt.

          Leichte Engpässe sind normal

          Auch in normalen Jahren kommt es zum Jahresultimo typischerweise zu leichten Engpässen am Geldmarkt. Denn viele Banken wollen über diesen Stichtag hinweg möglichst wenig Kredite gewähren. Der Grund: Alle über den Jahresultimo gewährten Kredite vergrößern die Bilanzsumme. Dadurch steigt einerseits der Bedarf an Eigenkapital, den die Bank aufsichtsrechtlich vorhalten muss. Andererseits verschlechtern sich Bilanzrelationen wie die Eigenkapitalquote.

          In diesem Jahr sind die Banken wegen der Turbulenzen an den Geld- und Kreditmärkten mit dem Ausleihen von Geld an andere Institute noch vorsichtiger als sonst. Dies einerseits, weil zumindest einige Institute befürchten müssen, dass Kreditlinien, die sie Zweckgesellschaften und anderen Unternehmen gewährt haben, plötzlich gezogen werden. Viele Institute halten deshalb mehr Liquidität vor, als sie eigentlich benötigen. Zudem halten sich viele weitere Institute mit dem Ausleihen von Liquidität zurück, weil sie befürchten, dass ihr Geschäftspartner über Nacht in eine Schieflage geraten könnte - und der Kredit dann verloren wäre.

          Hortung dank Misstrauen

          Die zusätzlichen Milliardenverluste der IKB, die in dieser Woche bekannt wurden, haben diese Nervosität noch vergrößert. In die gleiche Richtung wirkte die Nachricht, dass das angeschlagene amerikanische Finanzunternehmen E-Trade ein Portefeuille, das mit recht gut benoteten Wertpapieren besichert war, nur zu 26 Prozent des Nominalwerts verkaufen konnte. Das deute darauf hin, dass manche Institute noch hohe Verluste zu verdauen haben dürften, kommentierten Fachleute. Gerade vor dem Bilanzstichtag am 31. Dezember könnten solche Schieflagen offenbar werden, weil dann alle Gläubiger und Investoren Rechenschaft verlangen und sich etwaige Schwierigkeiten dann nicht mehr vertuschen oder aufschieben lassen.

          Aufgrund dieses gegenseitigen Misstrauens horten viele Banken Liquidität. Zudem sind sie nur zu deutlich erhöhten Zinssätzen bereit, sich Geld für einen Zeitraum zu leihen, der über ein paar Tage hinausgeht. Dementsprechend ist der Zins für Interbankenkredite mit einmonatiger Laufzeit am Donnerstag um 0,6 Prozentpunkte auf 4,82 Prozent nach oben geschnellt (siehe Graphik). Der Grund: Diese Kredite werden zwei Handelstage später, am 3. Dezember, gutgeschrieben; sie laufen somit bis zum 3. Januar, also über den Jahresultimo hinaus. Manche Banken haben offenbar großes Interesse, sich schon jetzt für diesen Tag mit Liquidität einzudecken, und deshalb den hohen Zins gezahlt. Allerdings seien die Umsätze eher gering gewesen, war nun aus dem Geldhandel zu hören.

          Weil das Horten von Geld durch einzelne Banken dem Geldmarkt Liquidität entzieht, hat die EZB dem Bankensystem seit dem Sommer immer wieder zusätzliche Liquidität zur Verfügung gestellt, zudem den Anteil der langlaufenden Geschäfte ausgeweitet. So stellt sie den Banken derzeit rund 30 Milliarden Euro mehr zur Verfügung, als für ein Gleichgewicht am Geldmarkt rechnerisch nötig wäre. Wie sie nun ankündigte, wird sie die Laufzeit des Refinanzierungsgeschäfts am 19. Dezember von einer auf zwei Wochen verlängern.

          Dieses Geschäft läuft dadurch bis zum 4. Januar, also über den Jahresultimo hinaus. Am 28. Dezember folgt dann turnusmäßig ein weiteres Refinanzierungsgeschäft mit einwöchiger Laufzeit. Sie verfolge das Ziel, den Zins für Tagesgeld nahe dem Leitzins von 4 Prozent zu halten, versicherte die EZB. Im Geldhandel wurden die Ankündigungen mit Erleichterung aufgenommen. Praktisch alle Fachleute sind sich einig, dass die Europäische Zentralbank den Geldmarkt in den zurückliegenden Turbulenzen sehr umsichtig gesteuert hat.

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