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Gegenwartskunst in Leipzig : Ich mache mir hier eine alte Heimat neu

Der Künstler Jörg Herold zeigt in der Galerie Eigen + Art sein „Himmelreich der Schlesier“, eine private Familienforschung zwischen der ehemaligen DDR und Polen.

          Jörg Herold ist ein riesiger Mann, als Jugendlicher in der DDR betrieb er Zehnkampf. Aber er war da auch schon Künstler und als solcher kaum weniger vielseitig als im Sport. Gemalt hat er, Filme gedreht und Reaktionsplastiken aufgestellt. Was das ist? Herold erzählt es: 1986, er war zwanzig Jahre alt, sperrte er auf dem Karl-Marx-Platz seiner Heimatstadt Leipzig, dem heutigen Augustusplatz, ein kleines Areal ab und errichtete dort einen Betonklotz - ohne Funktion, ohne Genehmigung, aber auch ohne Widerspruch. „Arbeit wurde geschätzt, das war gut an der DDR“, amüsiert er sich. Der Klotz blieb stehen, mitten auf dem Aufmarschplatz, bis er dann ein Jahr später bei einem der großen Sportfeste, die die DDR in Leipzig ausrichtete, störte und kommentarlos abgetragen wurde. Jörg Herold aber genoss seinen Triumph über den staatlich verordneten Sozialistischen Realismus.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          1990, unmittelbar nach der Wende - Herold war als Kunststudent zuvor nach Berlin-Weißensee gewechselt, weil sein Leipziger Lehrer Arno Rink mit den Filmen seines Studenten nichts anfangen konnte - war er schon Teilnehmer der Biennale von Venedig. Als seine neue Hochschule abgewickelt werden sollte, entwarf ihr jetzt prominentester Student das ironische Konzept „Weißensee auswaschen“. Die Kunsthochschule überlebte.

          Man muss diesen mehrfach belegten Schalk bedenken, wenn man Herolds heutige Kunst sieht. Gerade richtet ihm die Galerie Eigen + Art, deren Gründer Gerd Harry Lybke mit Herold schon zusammenarbeitete, als beide noch in der DDR nach Wegen suchten, unabhängige Kunst zu be- und vertreiben, am Leipziger Stammsitz eine Ausstellung aus, die den Titel „Der Dokumentararchäologe auf der Suche nach dem Himmelreich der Schlesier“ trägt. Das Wortspiel mit der bekannten Spezialität Schlesisches Himmelreich (backobstgefüllter Schweinebauch) ist vieldeutig: Es enthält auch die in der Erinnerung der Vertriebenen bewahrte Verklärung der unerreichbaren Heimat.

          Im Mittelpunkt der Präsentation steht eine aus Eisenplatten gefräste, mehr als drei Meter hohe Rübezahlsilhouette - Herolds erste plastische Arbeit seit 1986. Und auf drei Wänden in der großen Fabrikhalle der Leipziger Baumwollspinnerei gruppieren sich um jeweils ein überformatig auf Leinwand angelegtes Bild der Schneekoppe mehr als hundert jener A3-Blätter, die Herold in den letzten Jahren zu seiner bevorzugten Form entwickelt hat: aus Büchern oder dem Internet entnommene, auf dickes Papier ausgedruckte Fotomotive zum jeweiligen Thema, die von ihm dann in Beize eingelegt und noch vollgesogen mit Acryl übermalt werden. Arrangiert ist dieses bislang größte Konvolut solcher Bilder an den Wänden wie der Blick auf eine Mittelgebirgslandschaft, die den Schneekoppe-Großformaten erst die Rahmung gibt. Herold hat einen sehr feinen Humor.

          Seine Familie ist schlesischer Abstammung, doch jede Form von Revanchismus ist ihm, der diese alte Heimat als Kind tatsächlich nur aus Erzählungen kannte, fremd. Nun jedoch wird sie zum Gegenstand seiner „Dokumentararchäologie“, einer Beschäftigung, deren Bezeichnung Herold 2005 selbst für seine Kunst geprägt hat. Es ist häufig inhaltlich bemängelt worden, dass diese Bezeichnung tautologisch sei, weil doch jeder Archäologe durch seine Arbeit andere Dinge dokumentiere. Herold aber dokumentiert sich selbst, seine Tätigkeit als Künstler. Zu den Werkgruppen gehören deshalb nicht nur die dabei entstandenen Bilder, sondern auch die Mittel, mit denen sie angebahnt wurden: Briefwechsel, Fotos, Listen, Konzeptpapiere, Filmaufnahmen. Also das, was Herold für seine Reisen brauchte oder von dort mitbrachte - egal ob sie in Einraumwohnungen führten, deren Inventar er lückenlos katalogisierte, oder auf die Krim, wo er den Ort aufsuchte, wo Joseph Beuys als Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg abgestürzt sein soll. Letzteres ist ein Gründungsmythos der künstlerischen Moderne, ersteres eine persönliche Reminiszenz an Herolds eigene Großmutter, deren privater Einraumwohnungsbestand zum Leidwesen des Enkels nach dem Tod der Bewohnerin in alle Winde zerstreut wurde.

          Diesmal aber ist es anders, denn das „Himmelreich der Schlesier“ ist nicht Abschluss, sondern Auftakt einer neuen Werkgruppe. Noch war Herold gar nicht dort in Schlesien, sondern diesmal näherte er sich dem Thema über den Mythos. Seine Bilder sind somit Vorarbeiten zur noch folgenden Archäologie in Schlesien selbst, und Rübezahl, der unberechenbare Riese, der nicht nur als große Stahlskulptur, sondern auch schemenhaft in mancher Übermalung auftaucht, wird als Leitfigur für den durchs Land streifenden Herold dienen: „Ich bin dann selbst eine Art Rübezahl, der im Herbst durchs Gebirge gehen wird.“ Bei diesen Erkundungen werden dann erst die dokumentarischen Materialien entstehen.

          So zeigt Eigen + Art eine Schau von für Herolds Verhältnisse ungewohnt klassischem Zuschnitt. Doch die spezielle Behandlung der gefundenen Bildmotive kommt gut zur Geltung, weil die kleinen Blätter wie durch die Zeit verfärbt erscheinen. Es sind alles Stimmungsmotive, teilweise aus deutscher, teilweise aus polnischer Zeit. Und die nur an Details festzumachenden Unterschiede zwischen den historischen Epochen verschwimmen in Herolds Bearbeitung zusätzlich: „Das Spannendste am künstlerischen Prozess“, sagt er, „ist, alle Mythen zu hinterfragen.“ Trotzdem ist die Wirkung aufs Publikum tief. Herold hat unlängst eine Besucherin getroffen, die unter Tränen ihre Mutter auf einem der Bilder erkannt hatte. Heimat vergeht nicht, Jörg Herold allerdings macht mit seiner Kunst eine alte erst wieder neu - auch für sich selbst.

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