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Gegenwartskunst : Hier ist keine Magie im Spiel

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Aber eine Menge Geld: Die Londoner Auktionen mit zeitgenössischer Kunst bei Phillips, Sotheby’s und Christie’s demonstrieren die Zugkraft großer Namen.

          Mit italienischer Arte Povera und Blue Chip-Namen wie Bacon, Richter, Twombly, Koons, Basquiat und Warhol führten die Londoner Auktionshäuser erneut den globalen Hunger nach zeitgenössischer Kunst als Liebhaberobjekt, Investition und Statussymbol vor. Malerei triumphierte. Auch junge Nachwuchstalente - generell der riskantere Kauf - waren gefragt, wie der 1986 geborene Oscar Murillo und der 1989 geborene Lucien Smith, von denen alle drei Firmen je ein Los an ihren Abenden hatten. Ein wohlüberlegtes Programm - statt Marathon-Auktionen - wurde belohnt: Sotheby’s konnte zum zwölften Mal in Folge bei den Zeitgenossen in London eine Verkaufsrate von mehr als achtzig Prozent nach Losen vorlegen. Christie’s hatte nach zwei Abenden - mit Zeitgenossen und Arte Povera - den Umsatzrekord für eine Auktionswoche in Europa gebrochen, noch vor der folgenden Tagesauktion.

          Er hat es früh in die Königsklasse der Auktionen geschafft: Lucien Smith, Jahrgang 1989, und sein Bild „Two Side of the Same Coin“ von 2012, das bei Sotheby’s auf 40 000 bis  60 000 Pfund geschätzt war und nun 185.000 Pfund erzielte.

          Den Auftakt machte Phillips mit 32 Losen im Abendangebot, von denen mehr als ein Drittel keine fünf Jahre alt war. Gleich das zweite Los, „Feet in the Water“ des New Yorker Nachwuchsstars Lucien Smith, eine 244 Zentimeter hohe, mit hellblauen Acryltropfen überzogene Leinwand, stieg mit 160.000 Pfund (Taxe 40.000/60.000) auf das Vierfache der unteren Schätzung. Im vergangenen November war bei Phillips in New York eine auf 100.000 bis 150.000 Dollar geschätzte Leinwand von Smith für 389 000 Dollar (inklusive Aufgeld) verkauft worden. Insgesamt setzte Phillips am Abend 10,433 Millionen Pfund um, bei einer Verkaufsrate von 78 Prozent nach Losen; die Erwartung lag bei 9,3 bis 12,9 Millionen.

          Sieben Lose blieben unverkauft, darunter Chris Ofili und Arbeiten von jüngsten Aufsteigern wie Dan Colen. Dafür konnte Urs Fischers „Nail Duo“, zwei mehr als 150 Zentimeter lange, bronzene Nägel aus dem Jahr 2012, für 190.000 Pfund (200.000/300.000) vermittelt werden: Hier war Harmony Hambly-Smith, derzeit Business Manager bei „de Pury de Pury“, für Simon de Pury, der Ende Dezember 2012 als Chairman von Phillips de Pury zurücktrat, erfolgreich. Zu den Höhepunkten gehörte Michelangelo Pistolettos auf Stahl gemalter „Uomo con gli stivali al telefono“, der - in Vorausahnung des Erfolgs der bei Christie’s anstehenden Arte-Povera-Auktion - auf 510.000 Pfund (350.000/450.000) stieg. Ein unbetiteltes schwarzes Woll-Bild von Rosemarie Trockel aus dem Jahr 1987, eines der älteren Werke der Auktion, wurde für 95 000 Pfund (Taxe 60.000/80.000) verkauft. Auch Banksy konnte seine Taxen überschreiten: Die Skulptur „Happy Shopper“, eine Mischung aus griechischer Venus und Paris Hilton, stieg auf 420.000 Pfund (200.000/300.000). Seine „Rembrandt“-Persiflage mit aufgeklebten Comic-Augen aus Plastik stieg auf 330.000 Pfund (150.000/250.000).

          Star des Abends war Domenico Gnolis 1969 auf eine Leinwand gebanntes „Black Hair“. Das Gemälde ging an eine entschlossene 
Bieterin im Saal, die mit 6,2 Millionen Pfund (1,2/1,8 Millionen) einen asiatischen Telefonkunden ausstach.

          Christie’s bot am folgenden Abend eine herausragende Kollektion italienischer Arte Povera unter dem Titel „Eyes Wide Open: An Italian Vision“ zum Verkauf, deren Einlieferer nicht genannt wurde. Es handelt sich jedoch um die Sammlung von Nerio und Marina Fossati, die mit ihrer über mehr als zwanzig Jahre hin zusammengetragenen Kollektion in ihrer Villa am Comer See lebten. Arte Povera - Kunst, die mit „armen“ und billigen Materialien als Protest gegen den Warencharakter von Kunst entstand - erreichte bis vor wenigen Jahren kaum die Preishöhen, die ihr, gemessen an ihrer Bedeutung für die Kunstgeschichte, zukommt. Zu ihrer höheren Wertschätzung hat auch Christie’s jetzt deutlich beigetragen: Mit 86 (von 109) Losen wurden 38,427 Millionen Pfund eingespielt und dreizehn neue Künstlerrekorde aufgestellt, darunter für Michelangelo Pistoletto, Mario Merz und Jannis Kounellis. Die Ausstellung tourte seit Anfang Januar durch Turin, New York, Mailand, Chicago und Dallas bis in den neuen Ausstellungsraum von Christie’s in Londons Bond Street - ein Marketing-Plan, der sich auszahlte.

          Spitzenlos war Alberto Burris „Combustione Plastica“, das für den Rekord von 4,1 Millionen Pfund (600.000/ 800.000) an die Händlerfamilie Nahmad ging. Michelangelo Pistolettos Selbstporträt mit seiner Frau auf einer spiegelnden Stahlplatte, „Lei et Lui - Maria e Michelangelo“, stieg auf 1,7 Millionen (600.000/ 800.000). Zwei Stickerei-Arbeiten mit Buchstaben von Alighiero Boetti aus dem Jahr 1974, „Addizione“ und „Sottrazione“, beide auf 500.000 bis 650.000 Pfund geschätzt, wurden im Saal an denselben italienischen Bieter verkauft, der zuvor schon mehrfach, aber erfolglos mitgeboten hatte: der Filmdirektor Pietro Valsecchi aus Rom, der sich für Boetti mit 1,45 und 1,3 Millionen Pfund durchsetzte.

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