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Gasturbinengeschäft : Alstom zeigt Siemens und Mitsubishi die kalte Schulter

Ein Alstom-Mitarbeiter prüft die Laufschaufeln einer Turbine Bild: obs

Siemens und Mitsubishi interessieren sich für das Gasturbinengeschäft des französischen Industriekonzerns. Die Alstom-Führung hält wenig von dem Plan: Sie sieht darin den Versuch einer Zerschlagung.

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          Wenn Siemens und Mitsubishi mit ihrem Angebot für Alstom Erfolg haben wollen, dann müssen sie die französische Regierung als ihren Verbündeten gewinnen. Denn die Alstom-Führung lehnt das Konzept ab. Sie sieht in dem deutsch-japanischen Vorschlag einen Versuch der Zerschlagung. „Wie könnte man die vorgesehene Trennung des Gasturbinengeschäfts vom Rest des Unternehmens anders sehen?“, hieß es am Dienstag in Alstom-Kreisen. Hinzu kämen etliche Fragezeichen hinter der technischen Machbarkeit des deutsch-japanischen Planes.

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Doch auch bei der französischen Regierung haben Siemens und Mitsubishi noch Überzeugungsarbeit zu leisten - so wie auch der Rivale General Electric (GE). „Die Angebote müssen verbessert werden“, lautete die Forderung eines Wirtschaftsberaters im Elysée-Palast am Dienstag. Dieser Aufruf erging an die Konzerne, nachdem die Vorstandsvorsitzenden von Siemens und Mitsubishi, Joe Kaeser und Shunichi Miyanaga, am Vormittag bei Präsident François Hollande vorstellig geworden waren. Der Siemens-Chef reagierte kühl: „Im Augenblick gibt es keinen Grund, über eine Nachbesserung zu reden“, sagte er vor der Presse in Paris. GE prüft indes, ob im Energiegeschäft Minderheitspartner akzeptiert werden könnten - etwa französische Unternehmen, Alstom oder selbst der Staat, hieß es in GE-Kreisen.

          Die deutsch-japanische Offerte sieht im Kern die Herauslösung des Gasturbinengeschäfts vor, für das Siemens 3,9 Milliarden Euro zahlen will. Mitsubishi möchte dagegen drei Gemeinschaftsunternehmen mit dem Alstom-Energiebereich gründen und dabei jeweils Minderheitsaktionär werden. Doch Mitsubishi will nicht seine eigenen Turbinen- und Netzaktivitäten in die Gemeinschaftsunternehmen einbringen. Stattdessen wollen die Japaner lediglich gegen eine Barzahlung von 3,1 Milliarden Euro 40 Prozent am Alstom-Dampfturbinengeschäft sowie jeweils 20 Prozent an den Stromnetzen und den Wasserkraft-Turbinen halten. Mitsubishi plant also, drei Gemeinschaftsunternehmen mit Alstom parallel zu seinem eigenen Turbinen- und Netzgeschäft laufen zu lassen. „Wollen sie nun Konkurrenten oder Partner sein?“, fragt man bei Alstom.

          Wollen die französische Regierung von ihrem Plan überzeugen: Siemens-Chef Joe Kaeser (r) und Mitsubishi-Heavy-Chef Shunichi Miyanaga (r) in Paris
          Wollen die französische Regierung von ihrem Plan überzeugen: Siemens-Chef Joe Kaeser (r) und Mitsubishi-Heavy-Chef Shunichi Miyanaga (r) in Paris : Bild: dpa

          Die Führungskräfte von Siemens und Mitsubishi hatten am Montagnachmittag versucht, den zuständigen Ausschuss des Alstom-Verwaltungsrates von ihrem Vorschlag zu überzeugen - offenbar ohne großen Erfolg. Die Alstom-Verwaltungsräte hegen Zweifel, wie das Gasturbinengeschäft ohne Schaden für den Rest herausgelöst werde könne. Die Fertigung an den Standorten Belfort, Birr (Schweiz) und Mannheim sei für die gesamte Turbinenpalette tätig, heißt es. Und auch im Service-Geschäft gebe es große Überschneidungen. Fragen auch bei den vielen Kunden mit Gas- und Dampf-Kombikraftwerken: Wie könne Alstom-Mitsubishi ihnen gegenüber auftreten, wenn Siemens das Gasgeschäft herausgelöst habe? Kaeser und Miyanaga lieferten hier eine Antwort: Nach einer Übergangszeit brächte Mitsubishi seine eigene Gastechnologie ein, die heute noch nicht ganz entwickelt sei. Bis dahin verpflichte sich Siemens, Alstom-Mitsubishi mit seinen Gasturbinen auszustatten. Doch Alstom zweifelt: „Sehr kompliziert“, heißt es. „Mitsubishi, Siemens und Alstom sind auf dem Weltmarkt Konkurrenten. Wie soll das funktionieren?“ In jedem Fall liefere das deutsch-japanische Angebot keine Lösung für die mangelnde Größe des Alstom-Konzerns.

          Unterdessen ist der einst von der französischen Regierung und von Siemens vorgestellte Plan, einen europäischen Bahn-Champion zu schaffen, einstweilen in den Hintergrund gerückt. Der Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme versicherte im Elysée-Palast nach dem Treffen mit Hollande zwar, dass „Siemens entschlossen ist, im Transportbereich einen europäischen Champion zu schaffen und alle seine Bahnaktivitäten in ein Gemeinschaftsunternehmen unter Führung von Alstom einzubringen“. Doch das Projekt soll erst nach Abschluss der Energietransaktion in Angriff genommen werden, also frühestens in einem Jahr.

          Siemens versprach auch, im Alstom-Gasgeschäft 1000 Lehrlinge mehr auszubilden als ursprünglich vorgesehen. Mitsubishi kündigte an, in seinen Bereichen für 1000 neue Stellen zu sorgen. Im gleichen Umfang würde sich auch GE engagieren. Siemens und Mitsubishi bewerten das Alstom-Energiegeschäft mit 14,2 Milliarden Euro - 1,85 Milliarden Euro mehr als GE. Die amerikanische Offerte ist jedoch ein reines Barangebot. Bei Siemens-Mitsubishi beträgt der Baranteil nur 7 Milliarden Euro. Mitsubishi will ferner 10 Prozent der Alstom-Aktien kaufen und hofft, dass sich die französische Regierung im gleichen Umfang beteiligt. Doch das ist noch nicht entschieden: Die französische Regierung habe derzeit „keinerlei Präferenz“, teilte Premierminister Manuel Valls am Montagabend mit.

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