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FSV Frankfurt : Die Unwucht des Machtmenschen

Steht nach Negativserie unter Druck: HansJürgen Boysem, Trainer des FSV-Frankfurt Bild: dpa

Die sportliche Krise des FSV Frankfurt hängt auch mit zweifelhaften Entscheidungen von Trainer Hans-Jürgen Boysen zusammen. Eine Auflistung.

          - MANNSCHAFTSFÜHRUNG

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Björn Schlicke redet wieder - aber nicht über seinen Rücktritt vom Kapitänsamt. "Ich bringe mich genauso ein wie vorher auch", sagte der Verteidiger am Mittwoch. "Ich werde intern etwas sagen, sofern ich es für nötig halte." Für Trainer Hans-Jürgen Boysen war Schlicke sein wichtigster Verbindungsmann zur Mannschaft. Nun ist das Vertrauensverhältnis offenbar gestört. Der Rückzug des Kapitäns, welcher nach Meinung der Klubführung zur Unzeit kam, belastet das Arbeitsklima. Eines, das vorher schon angespannt gewesen sein dürfte. So ist bei vielen Spielern wohl auch der Eindruck entstanden, dass "der Trainer" - so bezeichnet sich Boysen gelegentlich selbst - seine Interessen bisweilen über die der Mannschaft stellt. Nicht nur, weil er nach Niederlagen aus der Emotion heraus die Spieler teilweise hart angeht. Es sind dann seine Wortwahl und der Ton, die auf Ablehnung stoßen.

          Außerdem sollen die Spieler den Eindruck bekommen haben, dass die Schwierigkeiten von Boysen mit manchen Zeitungsjournalisten mittlerweile auch auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Zwar gibt es beim FSV kein Redeverbot. Aber zwischenzeitlich kam es zu neuen Regeln bei der Kommunikation mit den Medien, welche die Mannschaft verunsichert haben - auch, weil beim FSV in der Führung offensichtlich nicht immer mit einer Stimme gesprochen wurde. Wenn Boysen will, kann er ein umgänglicher Trainer sein. Trotzdem scheint ihm in bestimmten Situationen das Fingerspitzengefühl zu fehlen. Womöglich ist inzwischen auch seine Ungeduld zu groß. Im Jahr 2011 konnte er nur vier Siege mit dem FSV feiern. Manch einer unkt, es gehe Boysen im Moment vor allem um seinen Machterhalt. Vor der Partie am Sonntag (Anstoß 13.30 Uhr) am Bornheimer Hang gegen Hansa Rostock bezieht die Mannschaft von diesem Donnerstag an im Sporthotel Erbismühle (Taunus) ein Trainingslager. Das wollen die sportlich Verantwortlichen auch dazu nutzen, um Einzelgespräche zu führen. An Redebedarf mangelt es wahrlich nicht.

          - KADERZUSAMMENSTELLUNG

          Die derzeitige Mannschaft des FSV Frankfurt hat leicht auszumachende Schwachstellen. Auf den Außenbahnen im Mittelfeld und der Verteidigung fehlen Hans-Jürgen Boysen schlicht die Alternativen, im Gegensatz dafür hat er mit fünf gelernten Stürmern eine Überangebot in der Offensive - vor allem, weil er zumeist nur einen Angreifer von Beginn an auflaufen lässt. Diese Unwucht ist offenbar beabsichtigt. "Der Kader ist ein gemeinschaftliches Produkt", sagt Uwe Stöver, der Geschäftsführer Sport.

          Ob Boysen vor der Saison nicht noch auf weiteren Flügelspielern bestanden habe? "Nein." Das führt dazu, dass mit Macauley Crisantus und Marcel Gaus zwei gelernte Stürmer immer wieder auf ungewohntem Terrarin aushelfen müssen. Doch das ist längst nicht das einzige Problem. Ganz offensichtlich haben die Verantwortlichen unterschätzt, welches Vakuum die Abgänge von Mike Wunderlich und Jürgen Gjasula im Mittelfeld hinterlassen werden. Beide Kreativspieler sind bis heute nicht adäquat ersetzt worden, der Auftritt des FSV in der Offensive ist nur allzu leicht ausrechenbar.

          - AUFSTELLUNG UND AUSWECHSLUNG

          An die Flexibilität seiner Spieler stellt Boysen Anforderungen, die sie vermutlich schlichtweg überfordern. Paradebeispiel für die vom Trainer abverlangte Vielseitigkeit ist Marcel Gaus. Angreifer, Mittelfeldspieler auf der linken Seite und Linksverteidiger - auf diesen unterschiedlichen Positionen musste sich Gaus in dieser Spielzeit schon beweisen, und das im Alter von 22 Jahren. Viel Zeit, sich umzustellen, bleibt ihm kaum. Denn Boysen lässt Gaus im Spiel zwischen den Mannschaftsteilen mitunter ordentlich rotieren. Eine eingespielte Mannschaft, die jeder Trainer anstreben sollte, gibt es so beim FSV nicht. Boysen macht dafür Verletzungen und Leistungsschwankungen der Spieler verantwortlich. Aber wie sollen diese zur Konstanz finden, wenn sie sich wie auf einem Verschiebebahnhof vorkommen müssen? Das muntere Wechselspiel stößt mittlerweile auch bei den Vereinsverantwortlichen auf Kritik. Zumal es kaum Spieler gibt, deren Leistungskurve dauerhaft nach oben gegangen ist. Andere Profis wiederum scheinen den Anschluss verloren zu haben. So können Andreas Dahlén oder Manuel Konrad der Mannschaft offenbar nicht mehr weiterhelfen. Auch manche Auswechslung von Boysen stößt auf Unverständnis - wie die von Yannick Stark beim 2:5 gegen Düsseldorf. Viele sahen im neuen Kapitän Samil Cinaz den geeigneteren Kandidaten. Der ist nun gegen Rostock gesperrt. Man darf gespannt sein, ob Schlicke nach einem Spiel auf der Bank wieder in die Mannschaft rückt - oder ob dessen Demontage eingeleitet wird.

          - INKONSEQUENZ

          "Der Trainer beäugt immer das, was auf dem Platz passiert" - diesen Satz hat Hans-Jürgen Boysen nach der jüngsten 2:5-Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf formuliert. Allerdings hat er sich in dieser Saison nicht immer daran gehalten. Nach dem Aus im DFB-Pokal gegen Stuttgart (0:3) kritisierte er offen die Leistung von Linksverteidiger Nils Teixeira - trotzdem durfte der Einundzwanzigjährige vier Tage später in der zweiten Liga wieder auflaufen. Nach der späten Verpflichtung des seinerzeit vereinslosen Wjatscheslaw Hleb sagte Boysen, dass dieser noch Zeit brauche, bis er wieder in einen vernünftigen körperlichen Zustand sei. Eine Woche später lief der Weißrusse zum ersten Mal von Beginn an auf, ist aber bis heute keine wirkliche Verstärkung. Marc Gallego soll hingegen überraschend wieder so einer solchen werden. Dabei hatte Boysen den Mittelfeldspieler schon abgeschrieben. Gallego sollte verkauft werden, aber weil sich niemand für ihn interessierte, spielte er am Anfang dieser Saison in der Regionalliga für den FSV. Das hat Boysen offenbar sehr gut gefallen. Seit wenigen Wochen gehört Gallego wieder zum Profikader.

          - IMPULSIVITÄT

          Hans-Jürgen Boysen legt großen Wert auf höfliche Umgangsformen. Ein Handschlag gehört für ihn zu jeder Begrüßung, das vermittelt er auch seinen Spielern. Allerdings steht das Temperament seiner Vorbildfunktion immer wieder im Weg. Das ließ er auch die Profis des FSV schon wiederholt spüren, als er sie nach den Spielen nicht nur öffentlich kritisierte, sondern sie sogar bloßstellte. "Hlebs Verhalten war eine Katastrophe. Er hat den Gegner und den Ball ignoriert und dann nur hinterhergeschaut. Das kann man nicht akzeptieren", sagte er nach Niederlage im DFB-Pokal gegen Stuttgart. Für einen Trainer, der ansonsten ungern über Einzelschicksale spricht, waren das starke Worte. Die hat er auch schon gegenüber Fotografen und Journalisten verloren. Als er einmal kurz vor dem Training noch mit einer Zigarette im Mund neben dem Platz stand, drohte er damit, dass es Konsequenzen habe, wenn dies veröffentlicht würde. Das ist sein gutes Recht, professionell allerdings ist ein anderer Aufritt.

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