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Fraktur : Payback

Nach dem Supermarktbesuch. Bild: interTOPICS/mptv

Was läuft falsch in Deutschland? Die Antwort ist an der Supermarktkasse zu finden.

          2 Min.

          Thomas Gottschalk hat mal von den glücklichen Jahren geschwärmt, in denen es die Pille schon gab, Aids aber noch nicht. Wir, die wir dem Geist dieser Zeit überhaupt erst unsere Existenz verdanken, müssen uns mit der Erinnerung an andere wunderbare Jahre trösten: als es in Supermärkten, Kaufhäusern und Drogerien die modernen Kassen mit den Scannern schon gab – aber noch nicht die Payback-, Vorteils-, Freundschafts-, Style- und Kundenkarten, die Treuepunkte, die Sammelfiguren und Sammelbildchen. In dieser goldenen Ära haben wir wertvolle Lebenszeit gewonnen – die uns heute wieder gestohlen wird.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Es geht schon los, wenn der junge Mann, den man in einem Gefühl nachweihnachtlicher Milde an der Kasse vorgelassen hat, weil er nur eine Flasche Cola in der Hand hält, gegenüber der Kassiererin zu erkennen gibt, dass er auch noch Schnaps will. Der Schnaps jedoch befindet sich im hinteren Teil des Supermarktes, verschlossen in einem Glasschrank, weshalb die Kassiererin einen Kollegen ausrufen muss. Da es in Supermärkten heute kaum noch Personal gibt, von gelerntem zu schweigen, dauert es ein paar Minuten, bis der Whisky den Weg zur Kasse gefunden hat. Allein: Es ist der falsche.

          Die weiteren Minuten, die deshalb verstreichen, werden von der Kassiererin immerhin dazu genutzt, die von dem jungen Mann ebenfalls gewünschten „Marlboro Lights ohne Zusätze“, die in dem Automaten an der Kasse nicht mehr vorrätig waren, in einem der Automaten an den anderen Kassen aufzutreiben. Als endlich Cola, Zigaretten und Whisky auf dem Band liegen, geht es so richtig los. Erst zeigt der junge Mann auf Ersuchen der Kassiererin seinen Ausweis vor, dann folgt die obligatorische Fragereihe: Payback-Karte? Wollen Sie Treuepunkte sammeln? Selbst nach den Sammelbildchen wird gefragt. Als der junge Mann alles verneint, meldet sich von hinten in der Schlange eine Mutter mit Kind, ob sie vielleicht die Sammelbildchen haben könne. Aber natürlich!

          Schnaps, Cola und Kippen kosten 24 Euro 35 Cent. Das heißt: 65 Cent zu wenig, denn erst bei einem Einkaufspreis von 25 Euro darf man an der Kasse Geld abheben. „Wenn Sie Geld abheben wollen, müssten Sie noch was für 65 Cent nehmen“, sagt die Kassiererin. Nachdem die Frau mit dem Kind dem jungen Mann zwei Kinderriegel gereicht hat, sagt dieser, er wolle zwanzig Euro abheben. Ob er mit EC-Karte zahle? Nein, in bar. Es stellt sich allerdings heraus, dass der junge Mann nur dann genügend Bargeld bei sich hat, wenn man die erst noch abzuhebenden 20 Euro mit einrechnet. Geht nicht? Dann Kreditkarte. Die Kassiererin schaut sich die Rückseite der Karte an, weist den jungen Mann darauf hin, dass er noch nicht unterschrieben habe. Es trifft sich, dass er einen Kugelschreiber dabeihat. Dann geht alles sehr schnell: Zunächst die Frage, ob man die Postleitzahl des Wohnorts erfahren dürfte. 64572. Sodann: Möchten Sie den Kassenbon? Und schließlich: Guten Rutsch!

          Ganz Deutschland fragt sich gegenwärtig, woher die Wut der Pegida-Demonstranten kommt und woher die Enttäuschung der Islamisten über unsere Konsumgesellschaft. Die Antwort ist an der Supermarktkasse zu finden.

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