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Fleiß-Studie : Faule Franzosen?

Savoir-vivre in Paris: Aber nicht nur die Franzosen mögen das schöne Leben. Bild: Lüdecke, Matthias

Eine neue Studie sorgt in Frankreich für Furore: Danach arbeiten in Europa nur die Finnen weniger als die Franzosen. Paris will die 35-Stunden-Woche trotzdem nicht antasten. Andere schon.

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          Frankreich fällt wirtschaftlich nicht nur wegen hoher Arbeitskosten zurück, sondern auch wegen seiner geringen Arbeitszeiten. Dies zeigt eine neue Studie der französischen Beratungsgesellschaft Coe-Rexecode auf der Basis von Eurostat-Daten. Danach war die Einführung der landesweiten 35-Stunden-Woche bei gleichem Lohn durch die sozialistische Regierung Ende der neunziger Jahre ein schwerer Fehler. In einem Vergleich von 26 europäischen Ländern arbeiten nach der Studie nur die Finnen weniger als die Franzosen. Ferien, Fehlzeiten und Feiertage sind dabei berücksichtigt.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          „Frankreich hat ein Problem mit seiner Wettbewerbsfähigkeit, weil die Produktivität schwächer steigt als in der Vergangenheit, weil die Gehälter trotzdem zunehmen und die Franzosen insgesamt nicht genügend arbeiten“, sagt Denis Ferrand, Generaldirektor von Coe-Rexecode, einem als arbeitgebernah geltenden Institut. Die Studie sorgt in Frankreich für heftige Debatten, weil die sozialistische Regierung die 35-Stunden-Woche nicht antasten will. Die Sozialisten sehen die landesweit einheitliche Arbeitszeitobergrenze als soziale Errungenschaft und haben daher auch die unter Präsident Nicolas Sarkozy eingeführten Steueranreize für Überstunden abgeschafft.

          Effekte der 35-Stunden-Woche sind umstritten

          Sarkozy hatte die Überstunden von der Einkommensteuer befreit, um die Mehrarbeit attraktiver zu machen. Seither ging die Zahl der Überstunden zurück, was allerdings auch auf die schwache Konjunktur zurückzuführen ist. Die französischen Ökonomen sind über die Effekte der 35-Stunden-Woche seit langem zerstritten. „Jetzt die Arbeitszeiten freizugeben wäre das Schlimmste, was man machen könnte, denn das Wachstum ist gleich null und wir haben Massenarbeitslosigkeit“, sagt der Ökonom Eric Heyer von dem der Regierung nahestehenden Beratungsinstitut OFCE. Viele Arbeitsplätze würden verlorengehen, weil die Unternehmen ihre Mitarbeiter länger arbeiten lassen würden, meint er. Doch es gibt kaum Belege für die Behauptung sozialistischer Politiker, dass die 35-Stunden-Woche zur Schaffung von Hunderttausenden neuer Arbeitsplätze führte.

          Stattdessen zeigen viele Untersuchungen, wie sie die Arbeitskosten für die Unternehmen anhob, weil die Überstundenzuschläge früher als in anderen Ländern greifen. Auch für den Staat fallen Kosten an: Er hat nach Einführung der 35-Stunden-Woche die Arbeitgeber von Sozialabgaben für die unteren Lohngruppen befreit und gleicht den Fehlbetrag mit einer Zahlung von jährlich 20 Milliarden Euro aus. François Fillon – der ehemalige Premierminister unter Sarkozy, der jetzt seine Präsidentschaftskandidatur für 2017 vorbereitet – forderte in diesen Tagen die Abschaffung der Wochenarbeitszeitgrenze in der Privatwirtschaft und für den öffentlichen Dienst den Übergang zur 39-Stunden-Woche. Nur so seien Wachstumskräfte zu entfalten. Die jüngste Schätzung des Statistikamtes Insee über ein Wachstum von nur 0,7 Prozent in diesem Jahr (gegenüber 1 Prozent laut Regierungsprognose) zeige den Handlungsbedarf, meint Fillon.

          Viele französische Ökonomen haben die geringe Arbeitszeit auch häufig mit dem Verweis auf die hohe Produktivität der Franzosen verteidigt. Dieser Vorteil ist laut einer Studie des Finanzministeriums in den vergangenen Jahren jedoch geschwunden. Laut Ferrand resultiert die Produktivität Frankreichs auch daraus, dass ein großer Teil der Jungen und der Senioren vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen bleibt.

          Frankreichs Selbständige arbeiten überdurchschnittlich viel

          Den Angaben der neuesten Studie von Coe-Rexecode liegen Daten zugrunde, die Eurostat auf Bitten der Beratungsgesellschaft korrigiert hat. Eurostat berücksichtige in seinen regelmäßigen, europaweiten Befragungen nicht jene Personen, die in der abgefragten Referenzwoche nicht gearbeitet haben, etwa wegen Krankheit oder Urlaub. Diese Personen seien aber ein wichtiger Teil der Statistik, meint die französische Gesellschaft. Nach ihren Angaben arbeiten die Franzosen mit einer Vollzeitstelle nur 1661 Stunden im Jahr. Deutschland rangiert dagegen im Mittelfeld mit 1847 Stunden. Werner Eichhorst, Direktor beim deutschen Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), kann die Zahlen nach eigenen Angaben allerdings nicht nachvollziehen. Die Arbeitszeit in Deutschland werde um rund 200 Stunden überschätzt. Unter anderem seien die Urlaubsangaben zu niedrig angesetzt, meint er.

          Innerhalb von Frankreich ergeben sich laut Coe-Rexecode große Unterschiede. Vor allem arbeiten die Selbständigen in Frankreich überdurchschnittlich viel: im Durchschnitt 43 Prozent mehr als die abhängig Beschäftigten. In Deutschland betrage der Unterschied 27 Prozent und in Großbritannien nur 7 Prozent. Zudem gibt es in Frankreich weniger Teilzeit-Arbeitskräfte, und wenn die Franzosen teilzeitbeschäftigt sind, dann kommen sie in der Regel auf höhere Arbeitszeiten als Arbeitnehmer im Ausland.

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