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: Finanzlotsen für den Mittelstand

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Das Arbeitspensum hat sich nicht verringert. An Arbeitstage, die zwölf Stunden dauern, sind die drei Gründer des Firmenkundenportals Compeon gewöhnt.

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          Das Arbeitspensum hat sich nicht verringert. An Arbeitstage, die zwölf Stunden dauern, sind die drei Gründer des Firmenkundenportals Compeon gewöhnt. Denn zuvor haben sie gemeinsam für die auf Finanzdienstleistungen spezialisierte Beratungsgesellschaft Zeb gearbeitet, wo die Arbeitstage bei wichtigen Projekten ebenfalls erst spätabends enden. Dort haben Kai Böringschulte, Nico Peters und Frank Wüller Banken und Sparkassen im Firmenkundengeschäft beraten. „In dieser Zeit reifte die Erkenntnis, dass mittelständischen Unternehmen im Internet ein Portal für ihre Finanzthemen fehlte“, sagt Wüller.

          Während Häuslebauer im Internet zum Beispiel bei Interhyp den günstigsten Kredit finden können, hatten Mittelständler bisher kaum Möglichkeiten, die verschiedenen Konditionen der Banken schnell und einfach zu prüfen. „Das Internet bietet Unternehmen die Chance, mehr Transparenz zu bekommen“, sagt Peters. Zwar gibt es schon Angebote im Netz wie zum Beispiel finpoint.de oder leasing.de. Diese sind nach Ansicht von Böringschulte aber zu eng an einzelne Produkte gekoppelt. Davon will sich Compeon mit einem breiten Angebot absetzen, das neben Finanzierung oder Leasing auch Geldanlagen umfasst.

          Seit dem 4. Juni steht den knapp 4 Millionen Unternehmen in Deutschland nun ihr Angebot zur Verfügung. Mit der Resonanz sind die Gründer zufrieden, auch wenn ihnen die ersten Erfahrungen zeigen, dass die Anfragen der Firmenkunden nicht immer den Anforderungen der Banken entsprechen. „Dass wir die Unternehmen aber dann anrufen und sie darauf hinweisen, sorgt für eine positive Resonanz und die Bereitschaft, die noch nötigen Informationen nachzuliefern“, berichtet Peters. Bislang haben die drei Gründer mehr als 350 Anfragen von Unternehmen gezählt mit einem Volumen von fast 120 Millionen Euro. Knapp 17 Millionen Euro konnten schon an Bank- oder Leasingpartner vermittelt werden. Weitere Kundenanfragen befinden sich derzeit in den Verhandlungen. Die tatsächliche Marketingphase soll erst noch starten. Gewinn erzielen wollen sie mit ihrem Portal Ende des kommenden Jahres. Geduld haben sie auch in der Gründungsphase gebraucht. „Von der Erkenntnis, dass ein breitangelegtes Finanzportal für Firmenkunden eine Lücke darstellt, bis zum Start sind zweieinhalb Jahre vergangen“, sagt Wüller.

          Den Entschluss, es zu wagen, weil sonst ein anderer auf die Idee kommen könnte, fassten die drei bei einer Flasche. Weil sie unter der Woche als Berater keine Zeit hatten, mussten sie ihr Projekt an den Wochenenden vorantreiben. Irgendwann stellte sich für die Mittdreißiger auch die Frage nach Investoren. Als Familienväter wollten sie das finanzielle Risiko begrenzen. Das Geschäftsmodell überzeugte eine norddeutsche Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die sich mehrheitlich beteiligte. Den Rest halten Wüller, Peters und Böringschulte.

          In die Entscheidung, den sicheren Arbeitsplatz als Berater aufzugeben und das Wagnis der Unternehmensgründung einzugehen, banden sie auch ihre Ehefrauen ein. „Ohne deren Zustimmung wären wir diesen Weg nicht gegangen“, sagt Böringschulte und fügt hinzu, dass er zu Hause das Wort „Traffic“ künftig deutlich weniger benutzen will. Damit wird die Zahl der Aufrufe einer Internetseite bezeichnet, und die ist für ein junges Portal eine entscheidende Kennziffer, um die Resonanz in der Zielgruppe zu messen.

          Dass das Thema Digitalisierung für den deutschen Mittelstand zunehmend in den Blickpunkt rückt, zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte, wonach 73 Prozent der Unternehmen dessen Bedeutung als hoch einschätzen. Aber auch für Banken ergeben sich enorme Einsparpotentiale. Nach einer Studie der Beratungsgesellschaft Booz verschenken die deutschen Banken durch die mangelnde Digitalisierung des Firmenkundengeschäfts jährlich bis zu 700 Millionen Euro.

          Mit den Banken wollen die drei Compeon-Gründer ihr Geld verdienen. Die Provisionen bei Vertragsabschluss sollen in Zukunft ihre wichtigste Umsatzsäule sein. Auf anderen Portalen müssen Firmenkunden dagegen selbst zahlen. „Das haben wir bewusst vermieden, weil dann eine Häufung bonitätsschwacher Unternehmen zu befürchten ist“, sagt Böringschulte. Seiner Ansicht nach sind Unternehmen, die schlechte Karten bei Kreditverhandlungen mit Banken haben, eher bereit, für die Vermittlung im Internet zu zahlen, als Unternehmen, die darauf nicht angewiesen sind. Derzeit hat Compeon 50 Banken als Partner gewonnen. Darunter sind viele Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken. Das Ziel von 80 Banken bis Jahresende sei ambitioniert, räumt Böringschulte ein. Dass die drei Gründer mittlerweile auch von Bankvorständen eingeladen werden, betrachten sie aber als wichtige Bestätigung. „Wir merken, dass wir Pionierarbeit leisten, und das ist ein wichtiger Antrieb“, sagt Böringschulte.

          Markus Frühauf

          Die Gründer

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