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: Zappelstürmchen über Zypern

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Schwarz ist die Farbe des Abends. Gleich der erste Aufzug in Venedig beginnt mit völliger Verdunkelung - Bernhards Theatermacher hätte seine Freude dran gehabt. Kaum ein Kalauer über diese Haut-Farbe wird ausgelassen, auch wenn das Shakespeare nie geschrieben hat.

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          WIEN, 24. Januar

          Schwarz ist die Farbe des Abends. Gleich der erste Aufzug in Venedig beginnt mit völliger Verdunkelung - Bernhards Theatermacher hätte seine Freude dran gehabt. Kaum ein Kalauer über diese Haut-Farbe wird ausgelassen, auch wenn das Shakespeare nie geschrieben hat. Dafür sorgt die unbeholfene Bearbeitung durch Gabriella Bußacker und Regisseur Jan Bosse. Und Othello selbst - so einen Schwarzen hat die Welt noch nicht gesehen! Joachim Meyerhoff, vom Scheitel bis zur Sohle und, später zu erblicken, auch sonst am Körper schwarz bemalt, in Hemd (schwarz) und Anzug (schwarz), verbirgt sich vor der schwarzen Wand des Dogenpalastes, zumindest vor den Mitspielern.

          Der beste Einfall dieser Inszenierung am Wiener Akademietheater kommt gleich am Anfang. Der Sturm, per Windmaschinen aus dem Pausenraum, der dramenintern die türkische Flotte zerstreut, zerzaust nicht nur das Publikum, sondern fegt auch die venezianischen Wellblechhütten davon. Die Streitmacht der Serenissima ist also spektakulär auf Zypern angekommen, der Kriegsgrund, die drohende Osmaneninvasion, damit hinfällig. Nun darf man sich der Tragödie der Ehe Othellos und Desdemonens widmen. Die Ehe, so viel bleibt von Shakespeare, ward heimlich und gegen den Willen des Brautvaters geschlossen. General Othellos Personalpolitik, Cassio zu seinem Stellvertreter zu ernennen, sorgt beim rangnächsten, Jago, der sich übergangen und auch sonst in seiner Ehre gekränkt fühlt, für unendlichen Hass. So setzt er die Intrigenmaschinerie in Gang, die zu unendlichem Leid führt, den Mohren und seine Gemahlin das Leben kosten und dem Bösewicht selbst zum Verhängnis werden wird.

          Die Insel ein Bild des Jammers, für das Bühnenbildnerin Stéphanie Laimé gesorgt hat. Erstes Missverständnis dieser Aufführung: man verwechselt zuweilen den "Sturm" und den "Mohr von Venedig": Der Orkan verwüstet zwar nicht die Küste eines einsamen Eilandes, trotzdem sieht es hier wie nach dem Einschlag eines Tsunamis aus. Trümmer liegen pittoresk herum, ein einzelner Baum dient dazu, die eheliche Hängematte aufzuspannen, damit das junge Paar die Hochzeitsnacht nachholen kann.

          Den schwarzen Anzug hat Joachim Meyerhoff inzwischen gegen eine khakibraune Feldherrenuniform getauscht - offiziell herrscht ja noch Krieg. Nun erinnert er nicht mehr an Fantomas, sondern an Idi Amin Dada. Sein gutturales Gestöhne vom Anfang verebbt, fortan gibt er den einzig Zivilisierten unter lauter Wilden. Den Tisch, der sich in den Trümmern findet, deckt er liebevoll mit Damasttuch, Servietten, Kerzenhaltern und Weingläsern, bevor er seiner Gattin durch Gesten signalisiert, dass man zum Essen doch, bitte, das Besteck verwenden solle. Der zweite, wohl bewusste Fehlgriff dieser Inszenierung: Ihre Desdemona ist ein rotzfreches Girlie, das irgendwann mit seinen (zumindest im Akademietheater) Vertrauten Emilia, Jagos unglücklicher Frau, und Bianca, Cassios Gespielin, zur Gitarre greift, um John Lennons "Woman is the Nigger of the world" zu intonieren. Das alles macht Katharina Lorenz ganz brav, meist in eine Soldatinnenbluse samt keckem Barett gezwängt, immer im jeweils passenden Minirock, wenn sie nicht gerade völlig entkleidet wird, und spielt wacker an Shakespeares Figur vorbei.

          Dabei mangelt es nicht an geistreichen Einfällen. Da eine Nebenszene, hier ein Witzchen, dort eine Staubfontäne - so lustig war Othello noch nie. Aber auch noch nie so zerstreut. Darsteller, die gerade nichts auf der Bühne zu tun haben, lümmeln entweder trotzdem im Hintergrund herum, werfen mit Erdklumpen, um die anderen im Dialog zu stören, oder fläzen sich, als seien sie nicht an einer Spielstätte des Burgtheaters, in der ersten Reihe im Parkett.

          Anders als in Bosses "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" (F.A.Z. vom 21. Oktober 2008) muss Joachim Meyerhoff nicht zur Kettensäge greifen, um die Bühne zu zerlegen. Aber für das Streichen der besten Zeilen rächt er sich, indem er stur wie ein Panzer Shakespeares Othello gibt: ansteigender Wahnsinn, mühsam beherrschte Mordlust, kaltblütiges Erwürgen. Der Schnitt durch die eigene Kehle, als er, in wörtlichem und übertragenem Sinne nackt, seinen tragischen Irrtum erkennt, gibt ihm alle Würde zurück.

          Als sein Widerpart Jago gibt Edgar Selge sein Wien-Debüt. Hierzulande bisher eher aus dem Fernsehen bekannt, liefert er einen formidablen Schurken ab. Auch ihm sind Szenen gestrichen und Motivation verkürzt, dafür muss sein Jago oft im Parkett schmollen. Selge gibt sich hemmungslos der Einbindung des Publikums hin, zwinkert ihm zu, vertraut ihm - wohl auch, weil fast alle Diener, Soldaten und sonstigen Unterläufer eingespart sind - seine Pläne an und macht die im Original eher unbedarfte Emilia zur Komplizin. Irgendwann scheint ihm das oft, vielleicht zu oft wiederholte "ehrlicher Jago" in den Ohren zu dröhnen. Augen blitzen, Messer auch: Edgar Selges Jago schauspielerisch das Gegenteil von Meyerhoffs Othello, und doch ergänzen sich die beiden zum magischen Zentrum der Inszenierung.

          Aber zwei Glanzleistungen machen noch lang keine glänzende Tragödie; umso tragischer, dass Bosses fahrige Aufführung zu den besseren Shakespeare-Abenden des Burgtheaters in letzter Zeit gerechnet werden muss. Doch bekanntlich ist das Bessere der Feind des Guten - und wir hätten doch so gerne endlich etwas Gutes gesehen. MARTIN LHOTZKY

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