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Wolfgang Burde : Der Mann für den weiten Horizont

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Kann man über Komponisten der Gegenwart, die noch unvermindert produktiv sind, bereits umfassende Studien schaffen? Abhandlungen also, die nicht nur Leben und Werk in adäquate Beziehung setzen, sondern auch die ästhetische Bewertung ...

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          Kann man über Komponisten der Gegenwart, die noch unvermindert produktiv sind, bereits umfassende Studien schaffen? Abhandlungen also, die nicht nur Leben und Werk in adäquate Beziehung setzen, sondern auch die ästhetische Bewertung nicht scheuen? Manche selbstkritische Forscher mögen hier Skrupel befallen - überrascht doch etwa Hans Werner Henze die Musikwelt seit seiner "Phaedra" mit einem unerwartet jugendfrischen Alterswerk, und was mag einem notorischen Neuerer wie Helmut Lachenmann noch alles einfallen?

          Der Musikwissenschaftler Wolfgang Burde weiß um die Fragwürdigkeit allzu früher Urteile und hat doch immer wieder die Auseinandersetzung mit herausragenden Zeitgenossen gesucht. So verfasste er bereits 1993 eine wegweisende Studie zu Ligeti, die keine Zweifel an der epochalen Bedeutung dieses geistig unermüdlich voranschreitenden, in seiner Ideenfülle kaum fassbaren Künstlers ließ. Aribert Reimann, dem schöpferisch ähnlich agilen Großmeister des modernen Liedes und der Literaturoper, widmete Burde 2005 eine Monographie, der Ellen Kohlhaas in dieser Zeitung das hohe Lob aussprach, ihr gelinge es, "kommentierend und vertiefend die Individualität jeder einzelnen Komposition im Kontext von Reimanns stetiger, wiedererkennbarer Handschrift aufzudecken".

          Das Rüstzeug dafür erwarb sich Burde durch sein Studium der Musikwissenschaften bei Walter Gerstenberg in Tübingen. Als Assistent von Hans Heinz Stuckenschmidt und Carl Dahlhaus an der TU schärfte er zudem früh sein analytisches Instrumentarium, mit dessen Hilfe er den kritischen Diskurs auch über aktuelle Strömungen der Komposition wagen konnte. Zahlreiche Aufsätze zur Neuen Musik, zum Jazz und zu musiksoziologischen Fragen belegen den weitgespannten Horizont von Burdes Fragestellungen - eine Qualität, die nicht zuletzt sein in mehreren Auflagen erschienenes Strawinsky-Buch von 1982 zur nach wie vor bereichernden Lektüre macht.

          Seit 1971 selbst Professor, von 1980 an Ordinarius an der Hochschule der Künste in Berlin, suchte Burde parallel zu seiner Hochschultätigkeit auch publizistisch unermüdlich die Auseinandersetzungen mit der Gegenwartskunst, etwa in Beiträgen für den "Tagesspiegel" und das Feuilleton dieser Zeitung wie auch als Chefredakteur der "Neuen Zeitschrift für Musik". Heute feiert dieser rege Geist seinen achtzigsten Geburtstag. CHRISTIAN WILDHAGEN

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