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: Wirtschaftswunderfotograf: Emil Otto Hoppé

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Im Jahr 1928 fuhr Emil Otto Hoppé durch Deutschland, um Fabriken, Brücken, Hafenanlagen, Flugzeugwerke und Industriearbeiter aufzunehmen. Zu jener Zeit war Hoppé nicht als Fotograf der Arbeitswelt bekannt; vielmehr galt er als einer der bedeutenden Porträtisten seiner Epoche.

          Im Jahr 1928 fuhr Emil Otto Hoppé durch Deutschland, um Fabriken, Brücken, Hafenanlagen, Flugzeugwerke und Industriearbeiter aufzunehmen. Zu jener Zeit war Hoppé nicht als Fotograf der Arbeitswelt bekannt; vielmehr galt er als einer der bedeutenden Porträtisten seiner Epoche. Einstein, Shaw, Nijinsky, Henry James, Rudyard Kipling, Aldous Huxley, T. S. Eliot, aber auch Mussolini und das britische Königspaar hatten für ihn posiert.

          Die Reise von Berlin nach Bayern und ins Ruhrgebiet aber diente einem besonderen Zweck: Hoppé, 1878 als Bankierssohn in München geboren, wollte das deutsche Wirtschaftswunder entdecken. Es waren die besten Jahre der Weimarer Republik, die sich aus dem Strudel der Inflation befreit hatte, und Hoppé hielt ihren Abglanz mit der Kamera fest: Lokomotiven, Montagehallen, Docks, gewaltige Maschinen, an denen Gestalten wie aus Langs "Metropolis" stehen, die Zeppelinfabrik in Friedrichshafen, Kraftwerke mit futuristischen Schaltzentralen, Landschaften im Dunst der Schlote. Als das Fotobuch "Deutsche Arbeit. Bilder vom Wiederaufstieg Deutschlands" 1930 erschien, war die Industrieblüte schon wieder vorbei, die Zeit der Straßenkämpfe und der Massenarbeitslosigkeit begann. Für seinen nächsten Bildband "Romantik der Kleinstadt" versenkte sich Hoppé ins deutsche Mittelalter, als wollte er der Katastrophe des Landes entfliehen. Dann ging er nach Indien und Australien, um die Welt hinter dem europäischen Horizont zu erkunden.

          Die kleine Ausstellung, mit der die Berlinische Galerie den 1972 verstorbenen Meister ehrt, kombiniert Aufnahmen aus "Deutsche Arbeit" mit Berliner Straßen- und Porträtfotografien der zwanziger Jahre. Hoppé, der in London sein Glück gemacht hatte, unterhielt jahrelang eine Dependance in der Reichshauptstadt, von der aus er den deutschen Alltag erkundete. Seine Bilder, seien es Hochglanzstudien von Lil Dagover, Willy Fritsch und Camilla Horn oder Impressionen aus Kleineleutevierteln, sind auch ein Versuch, die Wirklichkeit seines Geburtslandes zu verstehen, vor allem den Kontrast zwischen ihrer glitzernden und ihrer ärmlichen Seite. Da ist, einerseits, das nächtlich erleuchtete Weinlokal "Haus Vaterland" am Potsdamer Platz, andererseits der öde Hinterhof mit den spielenden Kindern; hier die neue Hochbahnstrecke am Landwehrkanal, dort die Tristesse der Vorstadt. Hoppés Alltagsmenschen, sei es ein "Bayerischer Arbeiter" oder ein "Deutscher Bauer", sind keine Individuen, sondern Typen, dennoch schaut er sie weniger ewigkeitlich an als August Sander, dessen Nachruhm den seinen weit überstrahlt.

          In den fünfziger Jahre schenkte Hoppé sein Archiv einer Londoner Fotoagentur, welche die Bilder, nach Gegenständen geordnet, in ihr Sachregister steckte; unter Hoppés Namen waren sie unauffindbar. Erst seit vier Jahren ist Hoppés Werk vollständig gesichtet und katalogisiert. In Berlin kann man jetzt einen kleinen Ausschnitt davon kennenlernen: die fragile Spur eines historischen Moments. Denn aus den späten zwanziger Jahren gibt es nur wenige Fotografien, die den kurzen Sommer der Weimarer Republik so genau festhalten, wie es Walter Ruttmann mit "Berlin - die Sinfonie der Großstadt" und Robert Siodmak mit "Menschen am Sonntag" gelungen ist. Hoppés Aufnahmen schließen diese Lücke. Und sie holen einen vergessenen Meister in die Gegenwart zurück. Andreas Kilb

          Menschen, Dinge, Menschenwerk. Emil Otto Hoppé - Fotografien 1925 bis 1929. Berlinische Galerie, bis zum 28. Februar. Kein Katalog.

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