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: Wie sie wurden, was sie sind

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"Der Widerspruch ist das Zeichen der Wahrheit." Dieses Zitat stammt von Hegel; es fällt im Film von Birgit Schulz, als Horst Mahler versucht, seine politische Biographie zu erklären, die ihn vom APO-Anwalt über Untergrund und Haft in Stammheim zum NPD-Mitglied und Holocaust-Leugner werden ließ.

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          "Der Widerspruch ist das Zeichen der Wahrheit." Dieses Zitat stammt von Hegel; es fällt im Film von Birgit Schulz, als Horst Mahler versucht, seine politische Biographie zu erklären, die ihn vom APO-Anwalt über Untergrund und Haft in Stammheim zum NPD-Mitglied und Holocaust-Leugner werden ließ. Im ersten Moment scheint dieser Weg wie Hegels Ausspruch schwer verständlich. Man könnte es aber auch einfacher sagen, mit Otto Schily, der Mahler seinerzeit die Gesamtausgabe von Hegels Werken ins Gefängnis gebracht hat: "Nur Idioten ändern sich nicht."

          Der erste Eindruck, nachdem man mit Birgit Schulz die hochinteressante Zeitreise durch vier Jahrzehnte bundesrepublikanischer Politikgeschichte hinter sich hat, ist bloßes Erstaunen: Warum eigentlich ist nicht früher jemand auf die Idee gekommen, diese Geschichte zu erzählen? Die Geschichte jener drei "Linksanwälte", die sich im West-Berlin der späten Sechziger in den Nachwehen des 2. Juni 1967 kennenlernten, die als APO-Anwälte berühmt wurden und 1969 das "sozialistische Anwaltskollektiv" gründeten, deren Lebenswege sich dann aber radikal trennten. Ein Jahr darauf ging Mahler in den Untergrund und wurde später zu vierzehn Jahren Haft verurteilt. Otto Schily und Hans-Christian Ströbele verteidigten ihn und weitere führende RAF-Terroristen in Stammheim und landeten danach im Bundestag bei den Grünen. In den späten Achtzigern mündete ihre schleichende Distanzierung in politische Gegnerschaft: Ströbele ist bis heute das linksalternative Gewissen seiner Partei, die Schily bereits 1989 verließ und zur SPD wechselte.

          Was die Geschichte dieser etwa gleich alten Männer so faszinierend macht, ist die Bewegung, die sie von einem gemeinsamen Ausgangspunkt zu scheinbar völlig entgegengesetzten politischen Haltungen führte - obwohl sie von sich selbst jeweils sagen würden, sie seien sich treu geblieben. Die Regisseurin, die lange Interviews mit den dreien führte, diese geschickt mit Archivmaterial montiert und mit einem eingängigen elektronischen Soundtrack unterlegt, symbolisiert die Gemeinsamkeit zu Beginn durch eines der wenigen Fotos, das alle drei gemeinsam während des Mahler-Prozesses zeigt, in dem Schily und Ströbele den Kollegen verteidigten. Aber vielleicht waren diese Haltungen schon immer verschiedener, als sie auf den ersten Blick scheinen; vielleicht gibt es zugleich - diesen Eindruck legt der Film nahe - untergründig zwischen den drei Anwälten auch mehr Gemeinsamkeiten, als man wahrhaben möchte.

          Am blassesten erscheint Hans-Christian Ströbele. Und zugleich am menschenfreundlichsten: Glaubhaft schildert er, wie die Ermordung Benno Ohnesorgs und ihre Vertuschung zu seinem "Schicksalstag" und Anlass seiner Politisierung wurde: "Das hat mein Gerechtigkeitsempfinden mobilisiert." Eindrücklich beschreibt er die Erschütterung bei seinem letzten Besuch bei Holger Meins. Bis heute strahlt er im Vergleich zu seinen Kollegen von einst etwas Jungenhaftes aus, allerdings auch etwas Naives: So konnte er sich während des Stammheim-Prozesses "nicht vorstellen", dass Verteidigergespräche abgehört wurden - was Baden-Württembergs Justizminister noch während des Prozesses zugab. Ebenso wenig, dass Waffen in den Stammheimer Zellen versteckt sein könnten.

          Demgegenüber wirken Schily und Mahler cooler und härter. Sie sind die eigentlichen Antipoden eines unausgesprochenen Dramas, das viel erzählt über die Politikgeschichte unseres Staates wie über den Geist jener zweiten Gründungsgeneration der westdeutschen Republik, die noch den Krieg erlebte, aber nicht mehr selbst kämpfen musste. Genau damit hat dann auch der einzige Augenblick zu tun, in dem man einmal sieht, wie Otto Schily von seinen Gefühlen übermannt wird und mit den Tränen kämpft: Bei einer Bundestagsrede, als er von seinem Onkel erzählt, der als Fliegeroffizier getötet wurde, seinem Bruder, der in Russland schwer verwundet wurde, und seinem Schwiegervater, der als Partisan gegen die Wehrmacht kämpfte.

          Das einzige Gefühl, das sich Schily ansonsten öffentlich zu zeigen erlaubt, ist Zorn, etwa in seinen Reden und Interviews während des Stammheim-Prozesses, als er in weiten Teilen der Öffentlichkeit als Terror-Sympathisant verächtlich gemacht wurde und sich Politiker aller Parteien zu aus heutiger Sicht unglaublichen Äußerungen hinreißen ließen. "Wir führen gegenüber der Macht das Argument des Rechts ins Feld", sagte er damals. Wo Ströbele von Gerechtigkeit spricht, beharrt Schily eloquent vor allem auf Rechtsstaatlichkeit und sieht hier seine seinerzeitige Verteidigung ganz auf einer Linie mit seinem späteren Verhalten als Innenminister: Recht und Ordnung sind zwei Seiten derselben Medaille.

          Gegen den beliebten Vorwurf der Eitelkeit und Selbstherrlichkeit wird Schily sogar von Mahler in Schutz genommen: "Es war das Bewusstsein, dass er zu einer geistigen Elite innerhalb der Anwaltschaft gehörte." Es ist überhaupt Mahler, der überraschenderweise für die Ex-Kollegen immer wieder freundliche und einsichtsvolle Worte findet. Neben dem Gerechtigkeitskämpfer Ströbele und dem Rechtsstaatsfetischisten Schily erscheint er heute vor allem als einer, der sich rettungslos verrannt hat, eine irgendwie absurde, allerdings auch traurige Figur. "Eine Tragödie", sagt Schily über Mahler, und nach Schulz' Film dominiert fundamentales Unverständnis darüber, wie ein derart intelligenter Mensch zum Rechtsradikalen und Holocaust-Leugner werden konnte, der vor einem Haufen Neonazis theoretisch überfrachtete, mitunter verworrene und manchmal nur widerliche Reden hält, die sein Publikum erkennbar überfordern. Kurz nach Abschluss der Dreharbeiten wurde Mahler wegen Volksverhetzung zu sechs Jahren Haft verurteilt.

          Die Gemeinsamkeit, die bei den drei früheren "Linksanwälten" über alle Gräben in dem Film spürbar wird, ist eine Lust an der Dissidenz. Darin sind sie nicht nur Erben der Revolte von 1968. In ihren Biographien entfalten sich auch die verschiedenen Facetten, Triumphe wie Abgründe, eines libertären Freiheitsverständnisses, das sich aus Gesinnungsethik und Widerstandsgeist speist. Es ist das Verdienst dieses irritierenden, hochspannenden Dokumentarfilms, dass er die Fragen an diese Biografien an uns weiterreicht. RÜDIGER SUCHSLAND

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