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: Wie mich das heilige Monster vor die Tür setzte

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Dieser Schriftsteller ist das Perpetuum mobile der russischen Protestszene. Mit 67 Jahren kann Eduard Limonow auf eine Karriere als in viele Sprachen übersetzter Autor, nimmermüder Partisanenkämpfer und Splitterparteiführer zurückblicken.

          MOSKAU, im Februar

          Dieser Schriftsteller ist das Perpetuum mobile der russischen Protestszene. Mit 67 Jahren kann Eduard Limonow auf eine Karriere als in viele Sprachen übersetzter Autor, nimmermüder Partisanenkämpfer und Splitterparteiführer zurückblicken. Sogar bei den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr will er kandidieren. Das Justizministerium weigert sich allerdings, seine neue Partei, das "Andere Russland", zu registrieren.

          Der Sohn eines Geheimdienstoffiziers rebellierte erst gegen das Sowjetsystem, weshalb er 1974 emigrierte, dann gegen Amerika, wo sein großartiger Roman "Fuck off, Amerika" entstand, dann gegen das französische Establishment, weshalb er 1991 ins demokratische Russland zurückkehrte, die Nationalbolschewistische Partei gründete und an den Bürgerkriegen in Jugoslawien, Georgien und Transnistrien teilnahm. Limonow scheut weder die Polizei noch das Gefängnis. Unter Putin landete er mehrmals in der Zelle und verfasste dort seine streitbarsten Bücher, unter anderem die Essaysammlung "Heilige Monster" und die Hafterinnerungen "Triumph der Metaphysik". Alle seine Texte erscheinen ungehindert und werden von den großen Buchläden vertrieben. Vielleicht tut der Literat, der die ersten zwei Januarwochen hinter Gitter verbringen musste, sie deshalb mit einer lässigen Handbewegung ab.

          Für ihn zähle nur der politische Kampf, versichert er mir in seiner ausgesucht karg möblierten Wohnung am Leninski Prospekt, wo ein schlanker junger Mann mich eingelassen hat. Insbesondere seine Erfindung der "Strategie 31" erfüllt Limonow, der heute einen mönchisch-schwarzen weiten Anzug trägt, mit Stolz. Sie besteht darin, dass die Dissidenten - Menschenrechtler um Ljudmila Alexejewa, liberale Politiker wie Boris Nemzow und Igor Jaschin, aber auch Limonow und sein anarchistisches Gefolge - am 31. eines Monats für den 31. Artikel der russischen Verfassung, der Versammlungsfreiheit garantiert, gemeinsam auf die Straße gehen. Mit dem Senior-Revoluzzer verbindet seine Mitdemonstranten außer ihrer Putin-Gegnerschaft nur ihr Mut. Doch Limonow, der heute freie Regionalwahlen, Steuererleichterung für Kleinbetriebe und die Förderung der Landwirtschaft auf seine Fahnen schreibt, profitiert von der Parkettfähigkeit seiner Partner und diese von seinem Biss und seiner Anziehungskraft auf Jugendliche.

          Die Anhänger des Publizisten mit dem rebellisch nach oben gebürsteten Grauschopf lassen sich zu treuen Partisanen trainieren. Sie bewerfen Politiker mit Torten und Eiern, sie besetzen aus Protest gegen die Abschaffung medizinischer Sozialleistungen ein Büro im Gesundheitsministerium. Immer wieder werden sie bei Demonstrationen verhaftet. In Russland werde er geliebt und verstanden, sagt Limonow mit schmeichelndem Ton. Im Gegensatz zu Westeuropa: Dort hätten es seine Texte schwer, obwohl er doch der interessanteste Autor sei.

          Er kämpfe für einen unblutigen Regimewechsel nach dem Vorbild der Tulpen-Revolution, versichert Limonow, der auf seinem Blog darüber klagt, Amnesty International und der Straßburger Menschenrechtsgerichtshof täten viel zu wenig für seine inhaftierten Gefolgsleute.

          Meine Frage, warum er vom Nationalbolschewismus zu demokratischen Parolen umgeschwenkt sei, findet er spießig. Die Zeiten ändern sich eben, belehrt er mich. "In der Jelzin-Zeit mangelte es an Entschiedenheit", sagt er heiser. Heute müsse der Staat zurückgestutzt werden. Ob er seine Aufgabe in einer Alarmlämpchenfunktion sehe, hake ich nach. Limonow wird gereizt. Zweihundert seiner Anhänger seien durch die Gefängnisse gegangen, hält er mir voll Pathos vor. Außerdem wurde Jelzin für sein Verbrechen, den Beschuss des Parlaments im Oktober 1993, auch nicht zur Verantwortung gezogen, fügt er hinzu - als erkläre oder rechtfertige das etwas.

          Worin er denn als Politiker seine Verantwortung sehe, frage ich zurück. Das ist das Unwort in der russischen Politik und offenbar auch für Limonow. Verantwortung? Der Dichteragitator erklärt das Interview abrupt für beendet und mich für dumm und dogmatisch. Ich widerspreche, versichere, ich wolle im Gegenteil nur seine Position verstehen. Doch der Guru ist schon in einem Ruheraum verschwunden. Tonlos geleitet sein Jünger mich hinaus. KERSTIN HOLM

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