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: Wie eine Stadt zum Werk wird

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Berlins Verhältnis zu seinen Künstlern ist schizophren. Einerseits macht das Berliner Stadtmarketing großräumig Werbung mit der Kunstszene der Stadt, erklärt Berlin zur "Kreativmetropole", die Künstler aus aller Welt anziehe, und ...

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          Berlins Verhältnis zu seinen Künstlern ist schizophren. Einerseits macht das Berliner Stadtmarketing großräumig Werbung mit der Kunstszene der Stadt, erklärt Berlin zur "Kreativmetropole", die Künstler aus aller Welt anziehe, und verweist auf die zahllosen Ausstellungen in der Stadt - und andererseits werden die Orte, an denen diese Kunst produziert und gezeigt werden kann, systematisch zurückgedrängt und finanziell ausgeblutet: Das Atelierhaus im Montbijoupark soll einer Grünfläche weichen, die Institutionen, auf die man so stolz ist, die Kunst-Werke etwa, bekommen einen Jahresetat, der anderswo nicht für eine Eröffnungsfeier reichte - und am Humboldthafen wäre die Kunsthalle, die sich der Bürgermeister wünschte, bloß die kulturelle Dekokirsche in einer Bürowüste.

          Wenn man weiß, welche entwürdigenden Prozeduren Kuratoren durchlaufen müssen, um das Nötigste für eine Ausstellung zusammenzubetteln, mit der sich die Berliner Kulturpolitiker nachher rühmen, dann kann man die Verärgerung verstehen, die sich breitmachte, als die Berliner Senatskanzlei im vergangenen Oktober verkündete, Bürgermeister Klaus Wowereit plane eine "Leistungsschau junger Kunst": Mehr als eineinhalb Millionen Euro wurden im Hauruckverfahren bereitgestellt, ein Beraterteam, bestehend aus den Kuratoren Christine Macel, Klaus Biesenbach und Hans-Ulrich Obrist, nominierte fünf junge Kuratoren, die eine Bestandsaufnahme versuchen sollten: Was entsteht gerade an Kunst in Berlin, wer sind die Künstler, die in Berlin leben und in den vergangenen Jahren in Erscheinung traten?

          Aber bevor die jungen Kuratoren Angélique Campens, Fredi Fischli, Magdalena Magiera, Jakob Schillinger und Scott Cameron Weaver überhaupt zu Wort kamen, brach auch wegen des sagenhaft dämlichen Begriffs "Leistungsschau" (der ohne Wissen der Kuratoren von der Senatskanzlei in die Welt gesetzt wurde) ein Protest gegen das Projekt los, wie man ihn selten erlebt hatte: Künstler seien keine Zuchthengste, die man bei einer Leistungsschau antanzen lasse; die Berliner Kulturpolitik wolle sich am Ende mit dem Glanz einer Kunst schmücken, der sie gleichzeitig die materielle Grundlage entziehe. Alles richtig - und trotzdem ist "Based in Berlin" nicht, wie die bösartigeren Kritiker insgeheim gehofft hatten, ein Desaster geworden, ganz im Gegenteil: Es ist, gerade weil es so viel Interessantes zutage fördert, ein weiterer Beweis dafür, dass sich an der Kulturpolitik und dem Umgang mit Kunsträumen in Berlin etwas ändern muss. Natürlich ist nicht alles gut in dieser Ausstellung; natürlich irrt man an den fünf Standorten, wie in jeder Großausstellung, durch ganze Etagen und denkt sich, wenn dieser Kram hier die neue Kunst sein soll, will ich mit der neuen Kunst lieber nichts zu tun haben - aber dann gibt es doch unüblich viele Entdeckungen, die jenseits von der Frage, ob einem die Kunst gefällt, von Bedeutung sind: Weil sie zeigen, wie Künstler auf neue gesellschaftliche Phänomene reagieren und sie oft zuerst sichtbar machen.

          Wer sind diese Künstler? Jeremy Shaw zum Beispiel, 1977 in Vancouver geboren, zeigt in den Kunst-Werken seine Arbeit "Best Minds": Man sieht auf großen Leinwänden Aufnahmen von Konzerten der Straight-Edge-Bewegung - Jugendliche, die nicht rauchen, trinken, gegen außerehelichen Sex sind und bei Hardrock-Konzerten versuchen, sich trotzdem in eine gewaltsame Trance zu tanzen. Shaw hat die Bewegungen der Tänzer verlangsamt - so wie man ein Video, das eine Überwachungskamera von einer Masse aufnahm, langsam zurückspult, um zu verstehen, was geschehen ist.

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