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: Wie ein Reformer gestürzt wurde

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Jahr für Jahr pilgern hunderttausend Besucher hierher. "Bonngasse 20" ist die ruhmreichste Adresse in Bonn, Stolz und Sehenswürdigkeit der Stadt. Denn hier hat Ludwig van Beethoven am 16. oder 17. Dezember 1770 das Licht der Welt erblickt.

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          Jahr für Jahr pilgern hunderttausend Besucher hierher. "Bonngasse 20" ist die ruhmreichste Adresse in Bonn, Stolz und Sehenswürdigkeit der Stadt. Denn hier hat Ludwig van Beethoven am 16. oder 17. Dezember 1770 das Licht der Welt erblickt. Zwölf Bürger waren es, die das Gebäude, um es vor dem Abriss zu bewahren, 1889 erwarben, restaurierten und 1893 als Gedenkstätte eröffneten. Durch das Vorderhaus führt der Weg über den weinberankten Hinterhof ins Geburtshaus. Seitlich schließt es an, als wollte es sich schutzsuchend abwenden von der verkehrsberuhigten Einkaufsstraße in der Nähe des Marktplatzes.

          Wer den Fuß über die Schwelle setzt, betritt Vergangenheit. In zwölf Räumen lassen sich Lebensstationen des Komponisten abschreiten. Gemälde, Stiche, Schattenrisse schmücken die Wände; Briefe, Autographen, Erstdrucke, die Dienstbratsche, die Hörrohre des Ertaubten und zeitgenössische Instrumente liegen in Vitrinen; der Spieltisch der Orgel aus der Minoritenkirche, an dem der Zehnjährige saß, ist erhalten; zwei Hammerklaviere sind wie in seiner letzten Wohnung im Wiener Schwarzspanierhaus gegeneinandergestellt, der ausladende Schreibtisch macht Eindruck, und die gewachsten Dielen knarzen im Originalton.

          Allerdings: Die Beleuchtung ist funzelig, die Rezeptionsgeschichte kein Thema, und die Beschriftung - obwohl hier ganze Rheindampfer voller Asiaten durchgeschleust werden - ausschließlich in deutscher Sprache. Weniger eine vergangene Lebenswelt als inszenierte Aura ist zu besichtigen. Das (angebliche) Geburtszimmer ist ihre Krönung: Nur eine steinerne Statue steht in dem leeren Raum: Wo Erläuterungen fehlen, ist begriffsloses Staunen angesagt. Seit 1995 wurde hier kaum etwas verändert: Der ausgestellte Stillstand ist ein Bild für den Zustand des Hauses, das neben Museum auch Archiv und mit dem 1989 eröffneten Kammermusiksaal sogar Konzertveranstalter ist.

          Die wissenschaftliche Arbeit stand lange in der Kritik, die Gesamtausgabe, Ende der fünfziger Jahre begonnen, ist gerade einmal zur Hälfte gediehen. Erst 1998 wurden die Leiter der drei Sektionen einem Direktor unterstellt. Andreas Eckhardt, bis 2009 im Amt, hat sich allein schon mit der Erwerbung der Diabelli-Variationen ein Denkmal gesetzt (F.A.Z. vom 28. April 2007 und 21. Dezember 2009). "Er war ein wunderbarer Kommunikator", sagt ein guter Kenner des Instituts, der nicht genannt werden will, "aber die Käseglocke über der Ausstellung hat er nicht angerührt." Den Reformstau aufzulösen und das Haus ins Jahr 2020 zu führen, in dem Beethovens zweihundertfünfzigster Geburtstag gefeiert wird, waren die ersten Anforderungen an den Nachfolger. Nach intensiver Suche einigte sich der Vorstand, ein Elferrat, bestehend aus zehn älteren Herren und einer Dame, auf einen Kandidaten, der ihn voll und ganz überzeugte: den Musikwissenschaftler und Juristen Philipp Adlung, Jahrgang 1965. Anfang 2007 hatte er in Halle das Händel-Haus übernommen und sich für größere Aufgaben empfohlen: indem er das angestaubte Institut in eine Stiftung überführte, die Modernisierung voranbrachte und eine neue Dauerausstellung einrichtete. Am 1. Juli 2009 trat Adlung in Bonn an.

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