https://www.faz.net/-1vs-zh6m

: Weit hinter der chinesischen Firewall

  • Aktualisiert am

Es war Nachmittag in Taiwan und China, kurz nach 14 Uhr, als ich am Mittwoch mit Ai Weiweis älterer Schwester Gao Lingling telefonierte. Zu dieser Zeit hatten sie und die ganze Familie noch immer keine Nachricht von ihm.

          3 Min.

          Es war Nachmittag in Taiwan und China, kurz nach 14 Uhr, als ich am Mittwoch mit Ai Weiweis älterer Schwester Gao Lingling telefonierte. Zu dieser Zeit hatten sie und die ganze Familie noch immer keine Nachricht von ihm. Die Verbindung klang normal. Wir sprachen ungefähr eine halbe Stunde. Es ging um New York, wo ich mit Ai Weiwei Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre oft beisammen war. Ich hatte auch einige Fragen an sie. Denn ein Verlag in Taiwan hat mich beauftragt, ein Buch mit Texten und mündlichen Aussprüchen von Ai Weiwei zusammenzustellen.

          Gegen Abend tauchte die Nachricht von Ai Weiweis unmittelbar bevorstehender Freilassung im Internet auf, zuerst in den chinesischen Mikroblogs, die in China im Gegensatz zu Twitter geduldet werden. Das bedeutete, dass es im chinesischen Medienapparat einen bestimmten Zirkel Eingeweihter gab, der die Nachricht bereits verbreiten konnte. Um 21 Uhr chinesischer Zeit schickte mir ein Freund eine E-Mail und teilte mit, dass die offizielle chinesische Nachrichtenagentur Xinhua (Neues China) gerade über die Nachricht berate, die bald verlautbart werden sollte: Ai Weiwei werde unter bestimmten Bedingungen auf freien Fuß gesetzt. Um 22 Uhr mailte mir derselbe Freund den chinesischen und den englischen Text der Nachricht von Xinhua. Um 22.30 Uhr chinesischer Zeit wurde Ai Weiwei endlich freigelassen, er nahm ein Taxi zu seiner Wohnung bei seinem Atelier im Pekinger Künstlerbezirk Caochangdi.

          Wahrscheinlich kam Ai Weiwei in dieser Nacht kaum zum Schlafen. Seine Mutter und seine Schwester wussten ja schon länger, wie man die Internetkontrollen, die unter dem Namen "Great Firewall of China" bekannt sind, überwinden kann. Wahrscheinlich wollte Ai Weiwei sofort im Internet erfahren, was sich alles in den mehr als achtzig Tagen ereignet hatte, in denen er festgehalten war. Internationale Nachrichten, aber auch chinesische Nachrichten waren ihm vorenthalten worden. Ai Weiwei wollte nun sicher sofort wissen, was er versäumt hatte, wie die internationale Öffentlichkeit auf seine Festsetzung reagiert hatten. Durch diese Reaktionen würde er einschätzen können, in welcher Situation er sich jetzt befand und wie er dem Staatsapparat gegenübertreten sollte.

          Am 3. April, als Ai Weiwei am Pekinger Flughafen abgeführt wurde und verschwand, befand ich mich in Berlin. Kurz darauf reiste ich durch Ostdeutschland nach Tschechien, von dort in die Slowakei, dann nach Österreich und wieder nach Deutschland. In Prag war ich in Kontakt mit Václav Havel, Ivan Klima, Jachym Topol und anderen tschechischen Autoren. Mit ihrer Hilfe setzte ich einen offenen Brief an den chinesischen Premierminister Wen Jiabao auf. Auch mit polnischen Autoren sowie mit Elfriede Jelinek, Herta Müller und anderen deutschsprachigen Schriftstellern war ich in Kontakt. Sie zeigten sich alle in Sorge um Ai Weiwei, deshalb wollten sie ebenfalls durch verschiedene Aktionen die chinesische Regierung zu seiner Freilassung bewegen. Allein in den deutschsprachigen Ländern haben sich Tausende Künstler und Schriftsteller um ihn bemüht. Nun sind wir alle froh über seine Freilassung. Doch die Freude ist nicht ungetrübt. Denn es bleibt eine Frage: Ist Ai Weiwei wirklich frei?

          Ohne Erlaubnis darf Ai Weiwei seinen Wohnort nicht verlassen, wie ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums sagte. Bereits am Tag seiner Freilassung sagte Ai in einem Telefongespräch mit ausländischen Berichterstattern, dass die chinesische Staatssicherheit ihn nur unter der Bedingung freigelassen hat, dass er keine Interviews gibt, sich auch via Internet nicht an die Öffentlichkeit wendet, "mindestens ein Jahr lang". Ai Weiwei bringt sogar schon wieder den für ihn typischen Humor auf: "Ihr könnt mich anrufen und mich alles fragen, und ich kann in den Hörer schweigen, weil ich nicht ein Wort sagen darf." In den Bestimmungen des Strafgesetzes in China zu bedingter Freilassung von Angeklagten sind unter Paragraph 56 vier Punkte festgelegt, die auch Ai Weiwei nun einhalten muss: 1. Er darf die Stadt nicht ohne Genehmigung verlassen. 2. Er muss sich bereithalten und bei entsprechender Benachrichtigung sofort vor Gericht erscheinen. 3. Er darf in keiner Weise Zeugen beeinflussen. 4. Er darf kein Beweismaterial vernichten und auch nichts verbreiten, was die Beweislage beeinflussen könnte. Die Freiheit, die Ai Weiwei vor seiner Festnahme hatte, wird er also nicht wieder genießen.

          Das wirft Fragen auf. Kann sich Ai Weiwei in Peking frei bewegen? Darf er sich mit seinen Anwälten beraten, und dürfen diese öffentlich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen der Steuerhinterziehung Stellung nehmen? Wird er erreichen können, dass die drei Mitarbeiter seines Ateliers sowie der Journalist, die mit ihm zusammen festgenommen wurden, ebenfalls freigelassen werden?

          Ich kenne Ai Weiweis Temperament. Ohne freimütige Interviews, ohne scharfe und direkte Kritik an der Regierung, ohne Botschaften auf Twitter, ohne Blog, ohne die Möglichkeit, an internationalen künstlerischen Veranstaltungen teilzunehmen, also ohne die Freiheit, die er so virtuos zu nutzen verstand - wie lange kann er es in dieser Lage aushalten? Wird er wahre Freiheit nur um den Preis des Exils erringen können? Wenn man ihn eines Tages ausreisen lässt, damit er im Ausland eine Ausstellung realisiert, und er dann nicht mehr zurück kann? Wird er keine andere Wahl haben, als ein Exilkünstler zu werden? Diese Fragen werden uns von nun an bewegen.

          Aus dem Chinesischen von Martin Winter.

          Der Schriftsteller Bei Ling wurde 1959 geboren und 2000 in Peking festgenommen. Seit seiner Freilassung dank internationaler Proteste lebt er im Exil. Derzeit ist er Stadtschreiber in Taipeh.

          Topmeldungen

          Corona-Lage in Süditalien : Aufrufe zur Revolution

          In Süditalien drohen Menschen mit „Sturm auf die Paläste“. Der Geheimdienst warnt vor sozialen Unruhen. Schon gab es versuchte Plünderungen. Die wirtschaftliche Lage der Region ist wegen Corona fatal.
          Rush Hour in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh am 17. März 2020

          Corona und der Westen : Die zivilisatorische Kränkung

          Geben wir im Überlebenskampf Freiheit und Würde auf? Oder steckt hinter dieser Entgegensetzung derselbe Dünkel, der so viele im Westen davon abhielt, in der Pandemie von Ostasien zu lernen?