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: Was weiß ein Cowboy schon von Aliens?

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Wer im Wilden Westen ein Raumschiff landen lässt, begeht gewissermaßen einen Kategorienfehler. Denn Ursprung der Kultur und ihre (außerirdische) Zukunft ergeben kein gemeinsames Drittes. Eher schon muss man sich auf eine Seite schlagen, also auf die Seite eines der beiden klassischen Genres.

          Wer im Wilden Westen ein Raumschiff landen lässt, begeht gewissermaßen einen Kategorienfehler. Denn Ursprung der Kultur und ihre (außerirdische) Zukunft ergeben kein gemeinsames Drittes. Eher schon muss man sich auf eine Seite schlagen, also auf die Seite eines der beiden klassischen Genres. Aber die Sache hat natürlich auch etwas enorm Reizvolles, wie man schon auf dem Cover von Scott Mitchell Rosenbergs Graphic Novel "Cowboys & Aliens" sehen kann: ein Reiter auf einem Pferd in gestrecktem Galopp, über dem ein Raumschiff dahinjagt, das für den Bildausschnitt viel zu groß ist. Da mit einem Revolver hinaufzuschießen, ist ein wenig naiv, aber was bleibt einem Cowboy schon übrig? Er weiß ja nichts von Science-Fiction.

          Die Verfilmung von "Cowboys & Aliens" durch Jon Favreau beginnt damit, dass Daniel Craig irgendwo in der Halbwüste von Arizona zu sich kommt und erst einmal nicht weiß, was los ist. Um das linke Handgelenk trägt er ein metallisches Armband aus einer eindeutig anderen technologischen Ära. Craig ist einer jener Fremden ohne Namen, die schon in zahllose Städte da draußen geritten sind, dort ein wenig an einer Ecke herumstanden, nur um dann im entscheidenden Moment einem armen Hund gegen einen unbeherrschten Aufschneider beizustehen.

          Dass diesen zweideutigen Helden immer schon eine leicht übermenschliche Kompetenz eignete (sie ziehen schneller als ihr Schatten, weiß die Comic-Parodie "Lucky Luke"), bekommt hier eine andere Dimension. Lange hält Favreau, seit "Iron Man" ein Spezialist für schräge Doppelexistenzen, die Identität dieser Figur in der Schwebe. Auch und gerade dann noch, als das klassische Western-Szenario einer von einem Großrancher (Harrison Ford spielt diesen Woodrow Dolarhyde) in Schach gehaltenen Wüstenstadt schon durch einen Monsterangriff erschüttert worden ist, für den die Leute von Arizona 1873 nur die notdürftigen Begriffe einer alten Religion haben. (Noch haben sie auch nicht in die Gesichter der Aliens geblickt.)

          Der Fremde wird schließlich als "wanted man" erkannt: Jake Lonergan, ein Gesetzloser, der aber für das Aufgebot gebraucht wird, das sich auf die Spur der neuen Feinde begibt. Und so reitet diese Truppe, nach einer gemächlichen ersten Stunde, in der Favreau die Situation entwickelt, in die Natur hinaus, um einige verschleppte Angehörige zurückzuholen, wie sie es früher gemacht haben, wenn Indianer jemand geraubt hatten. Hier aber sind es metallische Rieseninsekten, die Menschen in ihre Gewalt bringen und mit ihnen abschwirren. Nicht schnell genug allerdings, als dass Lonergan in einer spektakulären Actionnummer zur Halbzeit von "Cowboys & Aliens" nicht noch aufspringen könnte, um die rätselhafteste Figur des Films zu befreien: Ella (Olivia Wilde) blickt zwar die längste Zeit nur bedeutungsschwanger durch die Gegend, rechtfertigt ihre kühle Überlegenheit aber schließlich souverän.

          Wie in allen Geschichten über Kulturschocks gibt es auch hier early adapters und alte Sturköpfe. Interessant ist, wie Favreau und seine Armada von Autoren (neun Credits!) hier die Konstellation entwerfen. Dem Traditionalisten Dolarhyde, der von den bewährten Verhältnissen profitiert und deswegen die Aliens am liebsten in die offene Feldschlacht locken möchte, stehen die nordamerikanischen Ureinwohner gegenüber, die eine Taktik des offenen Herzens bevorzugen. Sie hören also zuerst in sich (und dann in Jake Lonergan) hinein, bevor sie mit dem Tomahawk auf drei Meter große Echsenwesen aus Schleim und Scheren losgehen.

          In diesen Szenen einer Pionier-Ökumene unterläuft Favreau der eine oder andere lächerliche Moment, was aber nicht groß auffällt in einem durch und durch pragmatischen Sommer-Blockbuster, der sich insgesamt doch ganz eindeutig auf die Seite des Westerngenres schlägt. Es sind die alten Tugenden, die hier obsiegen: Intuition, Mut, Haudrauf. Im Inneren des Schiffs und in der Energiebilanz der Aliens aber gibt es noch ein Motiv zu entdecken, das "Cowboys & Aliens" eine irrlichternde Gegenwärtigkeit gibt: Gold ist das Element, zu dessen Gewinn den Menschen hier ein Prokrustesbett bereitet wird, aus dem sich nur wirkliche Westmänner noch einmal erheben. Die Erfinder von "Cowboys & Aliens" geben hier doch sehr deutlich zu erkennen, woran ihnen mit der Kombination von Western und Science-Fiction gelegen ist: an einer neuen Blockbuster-Alchimie, die nicht nur das Beste zweier Welten, sondern aller denkbaren Welten in sich vereint. Dagegen kämpfen die Cowboys in diesem Film, der damit eigentlich mit sich selbst im Streit liegt. BERT REBHANDL

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