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: Wahrheit oder Pflicht

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Eine Welt aus Lügen. Irgendwann in der Mitte von "Jenseits der Mauer", einer beeindruckend besetzten Fernsehtragödie aus dem schleichenden Untergang der DDR, hat man den Überblick verloren, wer nun wen noch nicht verraten hat.

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          Eine Welt aus Lügen. Irgendwann in der Mitte von "Jenseits der Mauer", einer beeindruckend besetzten Fernsehtragödie aus dem schleichenden Untergang der DDR, hat man den Überblick verloren, wer nun wen noch nicht verraten hat. Noch nicht getäuscht, ausgebeutet, verkauft. Mit Menschen, so zeigt es dieser Film von Friedemann Fromm (Drehbuch: Holger Karsten Schmidt), hat die DDR Geschäfte gemacht. Ein Faktum, das, bevor es in Vergessenheit geraten könnte, hier noch einmal und umso tränenreicher und dramatischer in Szene gesetzt wird, zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer.

          Die Familie Molitor, Vater und Mutter mit gefälschten Papieren, die Kinder zwischen Kofferraum und Rückbank versteckt, versucht im April 1974 in Marienborn von Ost nach West zu fliehen. Das scheitert, die Eltern bekommen das Angebot, doch noch in die Bundesrepublik auszureisen: um den Preis, ihre Tochter Miriam zurückzulassen, der Sohn Klaus darf mit. Gehen Heike und Ulrich Molitor nicht auf den Deal ein, werden ihnen beide Kinder genommen. "Ihr seid richtige Verbrecher, wisst ihr das?", stößt der Vater (Edgar Selge) hervor, aber natürlich wissen sie das, sonst wären sie ja auch nicht so effektiv in dem, was sie tun.

          Die kleine Miriam kommt ins Heim und wird adoptiert. Ihr neuer Name ist Rebecca, ihre neuen Eltern, Frank und Susanne Pramann aus Leipzig, haben ihren eigenen Deal mit dem System gemacht: Der Vater (Herbert Knaup) ist bei der Stasi und verrät Freunde, die Mutter (Ulrike Krumbiegel) ahnt davon nichts und will es am Ende wohl auch nicht wissen.

          Dann springt der Film in die späten achtziger Jahre, so wie er vielleicht einmal zu oft springt in Raum und Zeit und von Figur zu Figur, um seine volle, herzzerreißende Wucht entfalten zu können: Die Molitors, inzwischen in West-Berlin, erhalten seit Jahren Briefe ihrer Tochter, die Stasi hat das eingefädelt, wieder um einen hohen Preis: Heike fotografiert heimlich die Unterlagen ihres Mannes, der in der Rüstung arbeitet, und gibt das an einen Kontaktmann weiter. Die Briefe aber schreibt nicht die kleine Miriam, sondern ihre einstige Heimleiterin Brigitte Schröder (Renate Krößner).

          Irgendwann werden die Forderungen immer lauter: die der Stasi, wie hoch die Gegenleistung für die Briefe sein soll, und die der Menschen in der DDR an ein selbstbestimmtes Leben. Auch die junge Rebecca (Henriette Confurius), die in Traumbildern heimgesucht wird von ihrer zweiten Geschichte, die ihr nie jemand erzählte, will weg. Die Ereignisse überschlagen sich, auf den Straßen und in den Familien, die wir vorgeführt bekommen, und dann braucht es ein paar Zufälle, die Prager Botschaft und Günter Schabowski - und alle stehen sich gegenüber.

          Die Wege dieses Fernsehfilms sind etwas zu verwinkelt, aber "Jenseits der Mauer" überzeugt dann doch. Weil er dank eines glänzenden Ensembles die niederen und höheren Überlebensinstinkte, die man braucht, um ein Regime zu überleben, einfühlsam inszeniert. Und weil die Realität der DDR am Ende noch viel fürchterlicher gewesen ist, als es diese Fiktion ausmalt. TOBIAs Rüther

          Jenseits der Mauer, heute Abend um 20.15 Uhr im Ersten. Im Anschluss läuft die Dokumentation Trennung von Staats wegen.

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