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: Von jetzt an nur noch wie gedruckt

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Markanter kann die Situation nicht verdeutlicht werden: Als Christian Wulff im vergangenen Jahr zum Bundespräsidenten gewählt war, bekannte er in einem Gespräch, dass er leider die Familienchronik seines Großvaters nicht lesen könne, weil sie in der alten deutschen Schreibschrift verfasst sei.

          Markanter kann die Situation nicht verdeutlicht werden: Als Christian Wulff im vergangenen Jahr zum Bundespräsidenten gewählt war, bekannte er in einem Gespräch, dass er leider die Familienchronik seines Großvaters nicht lesen könne, weil sie in der alten deutschen Schreibschrift verfasst sei. So geht es heute vielen Mitmenschen, die nach den späten dreißiger Jahren geboren wurden und diese Schrift - weithin unter dem Namen "Sütterlin" bekannt - nicht mehr in der Schule gelernt haben. Begegnet man heute in Museen und Ausstellungen Vitrinen mit Schriftstücken, die in deutscher Schreibschrift geschrieben sind, und fragt Besucher mittlerer Jahrgänge, ob sie die Texte lesen können, so schütteln die meisten verneinend den Kopf. Der Bundespräsident befindet sich also in guter Gesellschaft.

          Vor längerer Zeit machte ein peinliches Beispiel die Runde: Deutsche Germanistik-Studenten mussten sich beim Besuch einer wissenschaftlichen Bibliothek in Krakau alte deutsche handschriftliche Dokumente von einem polnischen Professor vorlesen lassen, weil sie selbst zur Entzifferung nicht in der Lage waren. Und so wird es vielen anderen ebenfalls gehen, weil sie weder die von Goethe und Schiller benutzte alte Kurrentschrift noch den jüngeren Ableger, die Sütterlinschrift, lesen können. Vom Schreibenkönnen ganz zu schweigen.

          Die Sütterlinschrift, entworfen von dem Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin, ist eine Variante der früheren, schräg geneigten Kurrentschrift und im Gegensatz zu ihr senkrecht ausgerichtet. Sie wurde 1924 zunächst in Preußen, später auch in anderen deutschen Ländern als verbindliche Schreibschrift eingeführt. Der Unterschied zu den einzelnen Schriftzeichen der Kurrentschrift ist gering.

          Die Abkehr von dieser Schreibschrift erfolgte 1941 unter den Nationalsozialisten, als Konsequenz der Umstellung der Druckschrift von der Fraktur auf die Antiqua. Martin Bormann, Reichsleiter der NSDAP, verkündete in einer Verordnung vom 3. Januar 1941: "Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern." Die lateinische Schreibschrift wurde in "Deutsche Normalschrift" umbenannt.

          Diesen mit abstoßender Geschichtsklitterung verkleideten Bruch mit den überlieferten Kulturtechniken charakterisierte die "Süddeutsche Zeitung" kürzlich als "Hitlers dümmsten Triumph". Eine gewisse Parallele zeigen die Reformen des türkischen Staatschefs Kemal Atatürk, der nach dem Ersten Weltkrieg die lateinische Schrift an die Stelle der arabischen Schriftzeichen setzte und damit der jungen türkischen Generation den Zugang zum Schriftgut des Osmanenreiches weitgehend verschloss.

          Immerhin wurde die deutsche Schreibschrift nach Kriegsende noch an hessischen und bayerischen Schulen gelehrt, als Leseschrift sogar noch bis in die neunziger Jahre, allerdings als Nebenschrift. Dabei zeigte sich, dass das Interesse der Kinder an dieser Schrift sehr groß war.

          In einem Gutachten zur Frage, ob eine Lehrkraft Schülern den Gebrauch der deutschen Schrift untersagen kann, stellt der "Bund für deutsche Schrift und Sprache" (BfdS) unter Berufung auf Stellungnahmen verschiedener Kultusministerien aus den späten achtziger Jahren und ein Votum des Petitionsausschusses des Bundestages von 1971 fest, dass es keinen Grund gebe, einem Schüler den Gebrauch dieser Schrift im Schulbereich zu untersagen.

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