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: Vom Fischer und seiner Forelle

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Je älter ein berühmter Künstler wird, desto mehr bewundert man jedes neu entstehende Werk, wenn Gefühl, Atmosphäre, Reflexionen, die es auslöst, wieder so intensiv sind, wie man es erwarten durfte, wie man hoffte.

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          Je älter ein berühmter Künstler wird, desto mehr bewundert man jedes neu entstehende Werk, wenn Gefühl, Atmosphäre, Reflexionen, die es auslöst, wieder so intensiv sind, wie man es erwarten durfte, wie man hoffte. Was man da bewundert? Nicht etwa Wiederholung, denn es handelt sich nicht um Selbstkopien. Man bewundert die Verbindung von Stamina und Ideenreichtum, die Kraft, daran zu glauben und es Wirklichkeit werden zu lassen, dass man sich selbst als Künstler und sein Werk stets auf's Neue erfindet.

          Keso Dekker ist so ein Fall. Dem niederländischen Maler und Ausstatter gelingt es seit nunmehr Jahrzehnten, das Publikum des großen Choreographen Hans van Manen mit seinen stets überraschenden Variationen von Bühnenbildern und Kostümen in die Welt des Tanzes hineinzuziehen. Jetzt konnte ihn der Direktor des Balletts der Deutschen Oper am Rhein, Martin Schläpfer, für seine choreographische Uraufführung von Franz Schuberts "Forellenquintett" gewinnen. Dekkers aufregende Szenerie gehört zu jener Kategorie von Ausstattung, die auf Naturdarstellung abhebt, ohne mimetisch oder realistisch zu arbeiten, in der Art einiger der schönsten Stücke von Merce Cunningham, "Beach Birds" etwa, oder Roy Lichtensteins "Pond Way". Wie dort der Strand oder ein stiller Teich Inspiration für eine weitgehend abstrahierte, malerisch umgesetzte Naturstudie waren, so ist es hier ein heller, in wechselnden Tempi fließender Bach, den man sich vorstellt. Das Wasser umspült und überspringt Hindernisse, Gehölz, Steine, es trägt Blätter, Wasservögel, und es kühlt - aber hier sind wir schon mitten in Martin Schläpfers Choreographie -, es kühlt einem Angler die in dunkelgrünen Gummistiefeln steckenden Beine.

          Einmal abgesehen davon, dass man sich Schläpfers Stück als mit dem Spitzentanz wie mit auf halber Sohle getanzten Phrasen denkbar souverän und sensibel auf Schuberts apollinische Musik reagierendes Meisterwerk denken muss, als einen in dreiwöchiger fieberhafter Arbeit hingeworfenen Geniestreich, in den die jahrelange Auseinandersetzung Schläpfers mit romantischer Musik eingeflossen ist - abgesehen davon handelt sein "Forellenquintett" wohl von Metamorphosen, von Zuständen des Menschen, wie sie von der Begegnung mit der Natur ausgelöst werden, vom Wein oder von der Liebe.

          Ein Außer-sich-Sein stellt Schläpfer hier dar, das in wenigen Momenten auch ein Ganz-bei-sich-Sein ist. Was ihm da vorschwebt, deutet er langsam in größeren Gruppenpartien an, um es dann in einem Pas de deux von Marlucia do Amaral und Jörg Weinöhl zu größter Intensität und Verdichtung zu bringen. Weinöhl ist der Fischer aus Christian Friedrich Daniel Schubarts Gedicht "Die Forelle", so steht er, groß und grausam und mit seinen Gummistiefeln ausgewiesen als Mann unserer Tage, in Keso Dekkers Fluss und schaut und schweigt. Da kommt die schöne Forelle vorbeigeschwommen. Ohne mit der Wimper zu zucken, fängt er sie mit bloßen Händen heraus. Er wirft sie auf seine Oberschenkel. Er trägt sie.

          Bedächtig steigt er aus den Gummistiefeln, streift - auch so ein rührender Schläpfer-Moment, schweizerisch genau, todkomisch - die grauen Wollsocken ab und - Achtung, Metamorphose! - ist Liebhaber, fassungslos ob des Geschenks, das ihm gemacht wird, kaum bei vollem Bewusstsein, zur Raserei, zur Lust noch zu überrascht.

          Überflüssig fast zu sagen, dass der Ballettdirektor Schläpfer den Choreographen inspiriert hat und sich Bezüge und Verweise zu George Balanchines "The Four Temperaments", mit dem der Abend großartig eröffnet, und zu Mats Eks silberscheinender Einsamkeitsstudie "Aluminium", die ihn beschließt, enthält. Und so begreift man nicht nur, dass ein Publikum eingeladen wird, Entwicklungen und Parallelen zu studieren, oder dass mit solchen Programmen Tänzer wie Ainara Garcia Navarro oder Ordep Rodriguez Chacon aufblühen können. Sondern es drängt sich auch auf, dass zwischen Balanchines kühnen Hindemith-Charakterstücken und Mats Eks von John Adams' "Shaker Loops" geschütteltem Tanztheater der rechte Platz für Schläpfer ist. Sein "Forellenquintett" knüpft an Balanchine an, wo William Forsythe nie Lust hatte oder Gründe sah weiterzumachen, und es will noch etwas anderes als selbst das schwedische surreale Tanztheater: Tanzen etwa, als wäre es Singen, Beharren auf dem, was die Kunst dem Leben, dem Immergleichen, dem Tag-ein-Tag-aus abzuringen vermag, wenn - ja, wenn man die Forelle nur packt. Dass sich auch ein Martin Schläpfer dazu jedes Mal neu freikämpfen muss, zeigt sein Schubert-Vorspann: "Don't be shy" von The Libertines füllt da das Duisburger Theater. Yeah. WIEBKE HÜSTER

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