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: Versöhnung im Schmachtfetzen

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Ein "match in heaven" ist eine Verbindung, die im Himmel geschlossen wurde und deswegen auf Erden noch lange nicht immer einsichtig sein muss. Dem mittleren Angestellten Surinder Sahni, der beim Stromversorger Punjab Power über ein ...

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          Ein "match in heaven" ist eine Verbindung, die im Himmel geschlossen wurde und deswegen auf Erden noch lange nicht immer einsichtig sein muss. Dem mittleren Angestellten Surinder Sahni, der beim Stromversorger Punjab Power über ein kleines Reich zwischen Stellwänden gebietet, fällt durch einen doppelten Streich des Schicksals eine junge Frau zu. Er heiratet Taani, weil es sich so fügt - durch väterliche Autorität, die den Himmel auf die Erde holt, weil sie etwas vorwegnimmt, wovon die Figuren des indischen Musicals "Rab Ne Bana Di Jodi" (2008) von Aditya Chopra zu Beginn noch nichts wissen können.

          Es ist die Möglichkeit, sich außerhalb der tristen Alltagswirklichkeit noch einmal zu begegnen. Es ist die große Hoffnung einer Kultur, die sich im Kino ein zweites Pantheon geschaffen hat und nun, wie alle Welt, in der Masse der kleinen Leute einen Star sucht. Oder auch zwei: "Ein göttliches Paar". So heißt der Film nun in der deutschen DVD-Ausgabe, wenige Monate nach dem Filmstart, der in die vergangene Weihnachtszeit fiel und deswegen vielleicht nicht sofort überall die gebührende Aufmerksamkeit erfahren hat.

          "Rab Ne Bana Di Jodi" ist ein Schmachtfetzen, mit den üblichen verwickelten Herzensangelegenheiten, die ausführlich besungen und betanzt werden. Zugleich ist diese jüngste große Summe des indischen Mainstreamkinos aber auch ebendies - ein Film, der viele frühere enthält, ein Himmel, in den viele Geschichten hineinragen, ein Paradies aus ganz irdischen Wünschen.

          Surinder und Taani bekommen ihre große Chance, als eine Tanzschule aus Bombay nach Amritsar, in die Stadt des Goldenen Tempels, kommt. Ein Wettbewerb wird ausgerufen, in dem die junge Frau endlich ihrem Naturell entsprechen kann. Bei "Dancing Jodi" könnte sie all das ausleben, was ihr in der Ehe mit dem scheuen Surinder versagt ist: Bewegung, Freiheit, Glanz, Attraktion. Surinder weiß selber, dass ihre Beziehung einen neuen Anfang braucht. Was der Himmel vorweggenommen hat, muss auf Erden noch eingeholt werden: durch eine Verwandlung, die erst die eigentliche Persönlichkeit zum Vorschein bringt.

          Der Superstar Shah Rukh Khan spielt deswegen in "Rab Ne Bana Di Jodi" eine Doppelrolle. Er lässt sich von seinem Freund, dem Friseur Bobby Khosla (Vinay Pathak stiehlt fast alle Szenen, in denen er auftritt), eine zweite Identität entwerfen. Suri ist nun auch Raj (Kapoor), im zivilen Leben der Besitzer einer Werkstatt, in der Traumwelt, die Surinder und Taani verbindet, ein Tänzer und Entertainer, der das ganze Repertoire des indischen Kinos beherrscht und zu zitieren weiß und der die Newcomerin Taani (gespielt von der Newcomerin Anushka Sharma) in den echten "Hindi film style" einzuweihen verspricht. Die zentrale Showeinlage von "Rab Ne Bana Di Jodi" hat dabei selbst ein doppeltes Gesicht. Sie ist einerseits Einweihung, andererseits Rekapitulation. Denn das, was der anständige Sikh Surinder nicht weiß, weiß der Star Shah Rukh Khan schon deswegen, weil er den "Hindi film style" maßgeblich geprägt hat. Die weiblichen Stars, die ihm vor den Augen von Taani begegnen, sind seine früheren Filmpartnerinnen: Kajol, Preity Zinta, Rani Mukherjee aus Bollywood-Hits wie "Dilwale Dulhania Le Jayenge", "Dil Se" oder "Veer-Zaara".

          Man muss - als Zuschauer, der nicht in dieser Kultur sozialisiert wurde - vermutlich ein Stück von der Gutgläubigkeit erst aufbringen, die in "Rab Ne Bana Di

          Jodi" vorausgesetzt wird. Denn das Kino dient hier ganz selbstverständlich als Medium der Vermittlung (zwischen zwei Partnern, die aufeinander abzustimmen sind), der Integration (abgespaltener Persönlichkeitsanteile), der Versöhnung von Vergangenheit und Gegenwart. Wenn Surinder und Taani sich Filme ansehen, dann teilen sie das einzige Gut, das durch ihre freudlose Ehe nicht beschädigt werden kann. Aber selbst hier sind zu Beginn die Interessen noch voneinander widerstrebenden Idealen durchkreuzt: Die Frau liebt Action, der Mann ist sentimental, ihre Beziehung bedarf eines Genres, das beide Bedürfnisse in sich aufnehmen kann.

          Das Bollywood-Musical ist dieses Genre, auch wenn "Rab Ne Bana Di Jodi" nicht so sehr das heroische Element an Shah Rukh Khan betont, sondern das komödiantische unter anderem mit deutlichen Anspielungen auf Charlie Chaplin und das amerikanische Studiomusical. Mehr noch als Hollywood hält "Bollywood" ständig seine eigene Geschichte vorrätig, es greift sie immer wieder auf, indem alte Songs neu eingespielt, variiert, zitiert werden. Die Stars lagern Rollen an wie Jahresringe, nicht ihr Spiel wird dabei immer reicher (oder psychologisch subtiler), sondern ihr Image. Der eigentlich ironische Akt in "Rab Ne Bana Di Jodi" ist deswegen die Besetzung von Shah Rukh Khan als früher Hagestolz, ein Mann mit öligen Haaren, der so gar nichts mit dem Sexsymbol zu tun hat, von dem er gespielt wird. Was in einer anderen Logik aber als Ausbruch aus dem "type casting" erscheinen würde, ist hier nur ein Spiel mit der Reichweite des Genres - es deckt eben tatsächlich alles ab, alle sozialen, ethnischen, religiösen Unterscheidungen im heterogenen Nationalstaat Indien.

          Für den 1971 geborenen Regisseur Aditya Chopra ist "Rab Ne Bana Di Jodi" auch ein Schritt aus dem Schatten seines Vaters Yash Chopra, der als Regisseur und Produzent zusammen mit seinem nicht minder bedeutenden Bruder B.R. Chopra die indische Filmindustrie seit den fünfziger Jahren geprägt hat. Es ist eine respektvolle Abnabelung in Form einer großen Hommage. Väterliche Autorität ist im indischen Kino eine der wesentlichen Antriebskräfte, denn sie provoziert die nächste Generation, manchmal enorm weitschweifige Umwege zum Glück zu nehmen - was wiederum den Filmen zugutekommt, die sich an exotische "locations" verfügen können. In "Rab Ne Bana Di Jodi" aber bildet die indische Unterhaltungsindustrie selbst diesen Umweg. Sie macht sich zugänglich in einer göttlichen Komödie, an deren Ende weder Himmel noch Hölle stehen, sondern das (über)irdische Leben im Lichte Bollywoods. BERT REBHANDL

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