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Unterwegs mit Matthias Politycki : Samarkand oder Eine Rückkehr in die Zukunft

In der Nekropole Schahi-Zinda wurden ab dem 14. Jahrhundert die Adligen der Timuriden bestattet. Bild: apl

Vor 25 Jahren war der Schriftsteller Matthias Politycki zum ersten Mal in Usbekistan. Damals entstand die Idee zu einem Roman, der nun fertig ist. Das Land aber ist inzwischen ein anderes geworden.

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          Vor drei Jahren ging Matthias Politycki durchs Gebirg. Nicht in ein heimisches, sondern in den Pamir. Vier Länder teilen sich diese Berge: Kirgistan, China, Afghanistan und Tadschikistan - keine Grenzregion, wo man einen deutschen Schriftsteller vermuten würde. Politycki war dort mit einem tadschikischen Führer unterwegs, mied Afghanistan und China und bemühte sich, nicht als Fremder aufzufallen, was ein Problem ist, wenn man keine der dortigen Landessprachen beherrscht und auch nicht Russisch, die Lingua franca der ehemaligen Mitgliedstaaten der Sowjetunion, zu denen Kirgistan und Tadschikistan zählen. Und auch Usbekistan.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Von dort ging die Reise los. Dort ging überhaupt alles los. Denn mehr als ein Vierteljahrhundert zuvor, 1987, war der damals zweiunddreißigjährige Politycki zum ersten Mal nach Samarkand gewesen, der alten Handels- und Hauptstadt mit dem Namen, der rund um die Welt exotische Gefühle weckt. Politycki besuchte sie im Rahmen einer Pauschalreise durch die Sowjetunion, die ihm seine Eltern geschenkt hatten, weil er endlich promoviert worden war. Die akademische Laufbahn schien ihnen für den Sohn aussichtsreicher als eine Karriere als Schriftsteller, die Politycki im selben Jahr 1987 mit der Publikation seines Debütromans „Aus Fälle / Zerlegung des Regenbogens“ begonnen hatte. „Das war schwere Kost“, sagt er im Rückblick, „experimentelle Prosa. Meine Eltern hatten Angst um meine Zukunft.“ Das Reisegeschenk sollte ihm ein bürgerliches Leben schmackhaft machen.

          Es misslang, denn als Politycki die prachtvollen Bauten von Samarkand sah, die scheinbar karge Altstadt, die viel typischer für den Orient ist, als unsere Märchenvorstellungen aus „Tausendundeiner Nacht“ es glauben machen wollen, und die Bergzüge, die sich bei klarem Wetter im Süden und Osten der Stadt auftürmen - nicht ganz der Pamir, aber auch Serafschankette und Hissargebirge kommen auf mehr als viertausend Meter Höhe -, da war es um die Universitätskarriere geschehen. Matthias Politycki hatte die Idee zu einem neuen Roman. Über Samarkand und die Berge ringsumher.

          Die doppelte Stadt

          Jetzt ist das Buch fertig, nach 26 Jahren. Es wird im August erscheinen, und es heißt „Samarkand Samarkand“. Die Dopplung ist Programm, denn neben der sagenumwobenen Residenzstadt des Mongolenherrschers Timur (auf Deutsch besser bekannt als Tamerlan) findet Polityckis Protagonist Alexander Kaufner noch ein zweites Samarkand tief in den Bergen, eine Siedlung, die in allem das Gegenteil der alten Metropole ist - klein, elend, improvisiert -, aber eines mit ihr gemeinsam hat: Es herrscht dort jetzt ein Schreckensregime, wie es ehedem auch Timur führte.

          “Jetzt“, das sind im Roman die Jahre 2027 bis 2029. Europa ist Schauplatz des Dritten Weltkriegs, Deutschland zwischen den beiden konkurrierenden Hauptmächten Russland und dem neu begründeten Kalifat bereits zerrieben. In Zentralasien ist der Krieg noch nicht angekommen, aber die Vorboten sind unterwegs. Einer von ihnen ist Kaufner, der aus den letzten deutschen Widerstandsnestern losgeschickt wurde, um im fernen Usbekistan die spirituelle Triebkraft des militanten Islams auszumerzen. Dafür sucht er das Grab von Timur, jenes muslimischen Herrschers, der in seiner mehr als vierzigjährigen Herrschaft bis 1406 ein Weltreich schuf, dessen Zentrum Samarkand war.

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