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Sachbücher in Kürze : Süßer Kulturmüll

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Ist Günther Anders, der Autor des Weltbestsellers "Die Antiquiertheit des Menschen", heute antiquiert? In einem biographischen Essay unternimmt Christian Dries den Versuch, die Aktualität von Anders insbesondere auf dem Feld der Technikkritik zu zeigen.

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          Ist Günther Anders, der Autor des Weltbestsellers "Die Antiquiertheit des Menschen", heute antiquiert? In einem biographischen Essay unternimmt Christian Dries den Versuch, die Aktualität von Anders insbesondere auf dem Feld der Technikkritik zu zeigen. Freilich mit der Einschränkung, dass die Kernthesen vom Subjektcharakter der Technik und von den in unseren Artefakten eingeschriebenen Handlungsanweisungen, die Forderung nach einer Psychologie der Dinge schon lange nicht mehr die Avantgarde bilden, sondern durch die bekannteren Schriften von Neil Postman, Jean Baudrillard und Bruno Latour im öffentlichen Gespräch präsent sind. Der Reiz, sich heute wieder mit Anders zu beschäftigen, liegt denn auch weniger im Neuigkeitswert seiner Aussagen als vielmehr in den Grundmustern einer Technikkritik, die seit ihrem Aufkommen bei Anders im Kern dieselben geblieben sind. Die Determiniertheit des Menschen durch seine Geräte fasste Anders in der Aussage zusammen: "Der Entzug meines mich mit allem süßen Kulturmüll aller Zeiten überschüttenden Transistors wäre für mich qualvoller als zehn Jahre Einzelhaft mit garantiertem Gerät." Hinter aller Technikkritik ließ Anders keinen Zweifel, dass die menschliche Freiheit, sich zu den elektronischen Einflüssen zu verhalten, durch die Geräte zwar eingeschränkt, im Kern aber nicht berührt werde. Eine Einsicht, die vielleicht anstößig, aber nicht antiquiert ist. (Christian Dries: "Günther Anders". Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2009. 119 S., br., 9,90 [Euro].) gey

          Schön schreiben

          Die vorliegende Studie nähert sich von semiotischer und sinologischer Seite einer Kulturgeschichte der chinesischen Schrift. Nach einem Überblick über historische Schrifttypen und Schreibmaterialien wendet sich Anett Dippner dem "Spiel der zerbrochenen Zeichen" in der Moderne zu. Während eine hervorstechende Handschrift noch Karrieregrundlage bei der Palastprüfung war und die Klasse der Literaten-Beamten von den Illiteraten unterschied, kam

          es spätestens am Ende der Kaiserzeit zur Krise der Schönschrift. Andererseits, so Dippners These, bildete sich der "Kunstcharakter der Kalligraphie" auch erst als Folge der revolutionären Wirren und der Begegnung mit dem Westen im 20. Jahrhundert heraus. Während der Kulturrevolution geriet das Zeichnen mit Tusche zur "Nische der Tradition", auch wenn es sich um linientreue Linien und künstlerisch wenig wertvolle revolutionäre Wandzeitungen und Anklageschriften handelte. Die Kalligraphie büßte ihren Gelehrtenanspruch ein und wurde im egalitären Bildungssystem der Volksrepublik zur Volkskunst; mit dem "Kultur- und Ästhetikfieber" der achtziger Jahre wurde sie dann neu bewertet. Kenntnisreich erklärt das Buch die historischen Brüche und Strömungen wie die

          "Moderne Kalligraphie", den Retro-Trend der "Neuen Klassik" und die sogenannte "Kalligraphismus-Bewegung". (Anett Dippner und Thorst Benkel: "Zeichen der Ästhetik". Kunst, Kultur und Kalligraphie zwischen Tradition und Bedeutungsvielfalt. Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2009. 284 S., geb., 75,- [Euro].) sg

          Breton liegt vorn

          Künstlerische Avantgarden veralten rasch. Schließlich zeigt sich auch nur so, ob sie wirklich welche waren. Aber den Reiz des Neuen zu beschwören, den das inzwischen Altbekannte und vielfach Abgewandelte oder auch bereits Vergessene einmal hatte, verliert nicht an Anziehungskraft. Ausstellungen sind eine Variante, Monographien eine andere, die resümierende Übersicht des Lexikons ist vermutlich die nüchternste Version. Die Probe darauf kann man nun mit einem Lexikon der Avantgarden im 20. Jahrhundert machen, das zwischen "Absolute Dichtung" und "Zufall" eine stattliche Zahl von Einträgen versammelt: über einzelne Avantgardebewegungen oder Kunstgattungen und bestimmte Kunstformen bis hin zu Übersichtsartikeln zu Ländern und Sprachkreisen. Lexikonprosa ist naturgemäß nicht gerade belebend, und gestehen wir's, auf Einträge zu "Gender", "Sexualität" oder "Lachen" hat man vielleicht nicht unbedingt lange schon gewartet. Werfen wir stattdessen einen Blick ins Personenregister, um einen Eindruck von Gewichtungen zu bekommen: Breton gewinnt dort knapp vor Marinetti, der damit ziemlich gut abschneidet, weil er tatsächlich noch vor Duchamp und Malewitsch liegt, dazwischen doch etwas überraschend gleich Schwitters, dann unumgehbar Picasso, gefolgt von Arp und Tzara, daneben Lissitzky, Kandinsky, Apollinaire und auch Theo von Doesburg. Aber mögliche (Wieder-) Entdeckungen liegen vermutlich ohnehin eher abseits der mit solchen Namen gekennzeichneten gut gespurten Hauptwege. Dafür gilt es zu blättern. ("Metzler Lexikon Avantgarde". Herausgegeben von Hubert van den Berg und Walter Fähnders. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2009. 404 S., geb., 59,95 [Euro].) hmay

          Topmeldungen

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