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: Robinsonade mit Hagelschauer

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Vorgestern Abend, als es noch einmal richtig hochsommerlich heiß war auf der Parkinsel, blieb zwischen dem Spielfilm "Mondkalb" und der Dokumentation "Auge in Auge" eine Viertelstunde Zeit, um unter den mächtigen Bäumen heraus an den Rhein zu gehen.

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          Vorgestern Abend, als es noch einmal richtig hochsommerlich heiß war auf der Parkinsel, blieb zwischen dem Spielfilm "Mondkalb" und der Dokumentation "Auge in Auge" eine Viertelstunde Zeit, um unter den mächtigen Bäumen heraus an den Rhein zu gehen. Auf dem schmalen Kiesstrand reihten sich Liegestühle aneinander, die Sonne stand tief, und die grüne Wand hinter uns wogte im lauen Abendwind wie der Londoner Park in Antonionis "Blow Up". Doch das hier ist Ludwigshafen, allerdings ein Ludwigshafen, wie man es kaum kennt: ein Bild, wie es sonst nur das Kino zu malen versteht. Und in diesem Fall ist das Idyll ja auch Verdienst des Kinos, wenn auch eines Festivals, das hier im Schatten der Bäume seine Zelte aufgeschlagen hat - ganz wörtlich: fünf große Zelte, zwei davon als Kinosäle, drei als Bewirtungsplätze und Gesprächsorte -, elf Tage lang nur deutsche Filme zeigt und damit ein Publikum findet, das es kaum fassen kann, wie mediterran Deutschland sein kann und wie entspannt hier das andernorts oft so affektiert-hektische Festivalgeschehen.

          Festival des deutschen Films nennt sich die Veranstaltung; sie findet zum vierten Mal auf der Parkinsel statt und läuft noch bis zum kommenden Sonntag. Dann werden die Preise vergeben in einem Wettbewerb, der zehn Filme bietet, die in den letzten zwölf Monaten entstanden sind, darunter Erstaufführungen wie Tamara Staudts "Nur ein Sommer", aber auch bereits von der Leinwand Bekanntes wie Volker Schlöndorffs "Ulzhan" oder "Das Herz ist ein dunkler Wald" von Nicolette Krebitz. Qualität soll der einzige Maßstab des Festivals sein, aber ein bisschen wird natürlich auch auf Prominenz geschielt: Schlöndorff wird am Sonntag auf der Parkinsel vorbeischauen, und die beiden Hauptdarsteller in "Das Herz ist ein dunkler Wald", Nina Hoss und Devid Striesow, haben in diesem Jahr den erstmals nach Geschlechtern geteilten Preis für Schauspielkunst des Festivals erhalten. Die Wettbewerbsauszeichnungen teilen sich in einen Publikumsfavoriten und zwei Preise, die eine dreiköpfige Jury verleiht, der in diesem Jahr mit Michael Althen auch ein Filmredakteur dieser Zeitung angehört.

          Insgesamt laufen siebenundzwanzig Filme in Ludwigshafen, eine der Zahl nach beeindruckende Leistungsschau des jüngsten deutschen Kinos. Dass fast die Hälfte von Frauen gedreht wurde, ist ein Beweis für die ästhetischen wie erzählerischen Umwälzungen, die das Filmemachen in Deutschland gegenwärtig erlebt. Ein anderer ist die Vielzahl von Filmen, die im Osten der Republik ihre Drehorte gefunden haben: in Städten wie Eberswalde ("Nur ein Sommer"), aus der eine gestandene Frau zu einer einsamen Alp in der Schweiz aufbricht, um dort als LPG-Veteranin einen Job als Melkerin anzunehmen; wie Leipzig, wo zwei junge Männer sich gegenseitig zu einem grässlichen Mord hochschaukeln ("Sieben Tage Sonntag" von Niels Laupert); wie Dresden, wo eine ehemalige Oppositionelle zwölf Jahre nach ihrer Festnahme den Stasi-Beamten wiedertrifft, der sie damals verhörte und in den sie sich verliebt hat ("12 heißt: Ich liebe dich" von Connie Walther); oder wie ein namenloses Dorf im Havellandkreis, in dem eine von Juliane Köhler grandios gespielte Frau Versteck und Vergessen sucht, nachdem sie gerade eine mehrjährige Haftstrafe wegen versuchten Totschlags an ihrem Mann abgesessen hat ("Mondkalb" von Sylke Enders).

          Alle diese Orte weisen in den Filmen noch die Spuren der DDR auf, und ihre Bewohner sind entsprechend Versehrte. Wenn zu Beginn von "Nur ein Sommer" der Plattenbaukomplex gesprengt wird, in dem die Protagonistin früher gelebt hat, ist das aber eher neue Verwundung als Heilung. Die Figurenzeichnung im aktuellen deutschen Kino befreit sich mehr und mehr vom Klischee.

          Schade, dass dies für die Geschichten selbst noch seltener gilt. "Nur ein Sommer" kann sich zwischen Komödie und Melodram nicht recht entscheiden, und die pseudofolkloristische Musik, die die Szenen in der Schweiz begleiten, gibt der Handlung den Rest. "Sieben Tage Sonntag" wie "Mondkalb" sind formal radikal in ihrer Geradlinigkeit, halten aber auch kaum Überraschungen parat. Da ist dann ein Film wie "Märzmelodie", in dem Martin Walz bisweilen Ausschnitte aus deutschen Schlagern als gesungene Dialoge à la "Das Leben ist ein Chanson" verwendet, schon eine erfreulich originelle Idee, aber hier will die Handlung daneben dann gar nicht mehr sein als eine typische Beziehungskomödie. Einmal etwas mehr wagen als nur ein einziges Wagnis - das wäre hilfreich im deutschen Kino.

          So viel wagen wie das Festival auf der Parkinsel, mit seinem Urlaubsflair aus Robinsonatmosphäre und den Strandgesprächen in Korbstühlen. Das auch mal von einem Hagelsturm verweht werden kann wie am Montag - den Wetterkapriolen ist man auf den Terrassen und in den bisweilen stickigen Zelten ausgeliefert, aber gerade das schweißt das Publikum zusammen. Und die Filmemacher haben dieses verwunschene Festival offenkundig nicht minder ins Herz geschlossen als die Zuschauer. Dass die Nachmittag- und Spätabendvorstellungen nicht gerade überfüllt sind, ist nur ein kleiner Wermutstropfen.

          Aber auch an diesem Zauberplatz auf der Insel der Seligen im Rheinstrom vor Ludwigshafen gibt es bisweilen höchst Prosaisches zu beobachten. Festivaldirektor Michael Kötz etwa, der bei der feierlichen Eröffnung, die durch leicht chaotische Organisation ohnehin erst um mehr als eine halbe Stunde verspätet begann, endlose Loblieder auf seine Veranstaltung sang und das Land Rheinland-Pfalz dafür geißelte, dass es sich finanziell nicht am Festival beteiligen will. Muss man deshalb gleich dessen Fortbestand in Frage stellen? Zumal sich in diesem Jahr erstmals die Stadt Ludwigshafen engagiert hat, deren Oberbürgermeisterin Eva Lohse dem Festivalchef bei der Eröffnung vorführte, wie man sich beliebt macht: indem man angesichts der Ungeduld im Zelt auf eine vorbereitete Rede souverän verzichtet. Doch Kötz focht das nicht an; nach Frau Lohse redete er einfach weiter, auf dass die eingesparte Zeit denn doch noch verschwendet werde. Wie großartig, wie einmalig doch dieses Festival sei - ja, das ist es, aber es wäre noch großartiger, wenn der Direktor nicht bisweilen die Filme aus dem Rampenlicht verdrängen wollte. Oder bei Begrüßungen nicht auf den eigenen Dokumentarfilm über das benachbarte Mannheim hinwiese, den es auf dem Festival zu kaufen gebe. ANDREAS PLATTHAUS

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