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: Robinsonade mit Hagelschauer

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Alle diese Orte weisen in den Filmen noch die Spuren der DDR auf, und ihre Bewohner sind entsprechend Versehrte. Wenn zu Beginn von "Nur ein Sommer" der Plattenbaukomplex gesprengt wird, in dem die Protagonistin früher gelebt hat, ist das aber eher neue Verwundung als Heilung. Die Figurenzeichnung im aktuellen deutschen Kino befreit sich mehr und mehr vom Klischee.

Schade, dass dies für die Geschichten selbst noch seltener gilt. "Nur ein Sommer" kann sich zwischen Komödie und Melodram nicht recht entscheiden, und die pseudofolkloristische Musik, die die Szenen in der Schweiz begleiten, gibt der Handlung den Rest. "Sieben Tage Sonntag" wie "Mondkalb" sind formal radikal in ihrer Geradlinigkeit, halten aber auch kaum Überraschungen parat. Da ist dann ein Film wie "Märzmelodie", in dem Martin Walz bisweilen Ausschnitte aus deutschen Schlagern als gesungene Dialoge à la "Das Leben ist ein Chanson" verwendet, schon eine erfreulich originelle Idee, aber hier will die Handlung daneben dann gar nicht mehr sein als eine typische Beziehungskomödie. Einmal etwas mehr wagen als nur ein einziges Wagnis - das wäre hilfreich im deutschen Kino.

So viel wagen wie das Festival auf der Parkinsel, mit seinem Urlaubsflair aus Robinsonatmosphäre und den Strandgesprächen in Korbstühlen. Das auch mal von einem Hagelsturm verweht werden kann wie am Montag - den Wetterkapriolen ist man auf den Terrassen und in den bisweilen stickigen Zelten ausgeliefert, aber gerade das schweißt das Publikum zusammen. Und die Filmemacher haben dieses verwunschene Festival offenkundig nicht minder ins Herz geschlossen als die Zuschauer. Dass die Nachmittag- und Spätabendvorstellungen nicht gerade überfüllt sind, ist nur ein kleiner Wermutstropfen.

Aber auch an diesem Zauberplatz auf der Insel der Seligen im Rheinstrom vor Ludwigshafen gibt es bisweilen höchst Prosaisches zu beobachten. Festivaldirektor Michael Kötz etwa, der bei der feierlichen Eröffnung, die durch leicht chaotische Organisation ohnehin erst um mehr als eine halbe Stunde verspätet begann, endlose Loblieder auf seine Veranstaltung sang und das Land Rheinland-Pfalz dafür geißelte, dass es sich finanziell nicht am Festival beteiligen will. Muss man deshalb gleich dessen Fortbestand in Frage stellen? Zumal sich in diesem Jahr erstmals die Stadt Ludwigshafen engagiert hat, deren Oberbürgermeisterin Eva Lohse dem Festivalchef bei der Eröffnung vorführte, wie man sich beliebt macht: indem man angesichts der Ungeduld im Zelt auf eine vorbereitete Rede souverän verzichtet. Doch Kötz focht das nicht an; nach Frau Lohse redete er einfach weiter, auf dass die eingesparte Zeit denn doch noch verschwendet werde. Wie großartig, wie einmalig doch dieses Festival sei - ja, das ist es, aber es wäre noch großartiger, wenn der Direktor nicht bisweilen die Filme aus dem Rampenlicht verdrängen wollte. Oder bei Begrüßungen nicht auf den eigenen Dokumentarfilm über das benachbarte Mannheim hinwiese, den es auf dem Festival zu kaufen gebe. ANDREAS PLATTHAUS

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