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Rimbaud-Ausstellung in Paris : Planvoll sei die Verwirrung aller Sinne

Ihn wird man, schrieb André Breton, nie kennen. Carjats Rimbaus-Porträt auf einer Londonder Telefonzelle. Nice Art 2009 Bild: Katalog

Mit zwanzig Jahren ließ er die Dichtung hinter sich und wurde gerade deshalb zum Heiligen einer literarischen Moderne. Die Pariser Ausstellung „Rimbaudmania“ zeigt Arthur Rimbaud auf dem Weg zur populären Ikone.

          , Paris. Die französische Literatur hat einige Heiligenfiguren hervorgebracht. Flaubert etwa, den Einsiedler von Croisset, Heiliger des Romans mit einem schönen Wort Heinrich Manns. Oder Isidor Ducasse alias Comte de Lautréamont, den die Surrealisten zur Ehre ihrer literarisch-antiliterarischen Altäre erhoben, angemessen von einer luziferischen Aureole eingefasst. Aber Arthur Rimbaud lässt sie als Kultfigur weit hinter sich.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Früh zu sterben, wie Ducasse oder auch Jacques Vaché - noch ein Heiliger der Surrealisten -, sicherte in dieser Hinsicht zwar Vorteile. Aber Rimbauds Abwendung von der Literatur im Alter von zwanzig Jahren war durch keinen frühen Tod einzuholen. Gerade weil er dazu nichts verlauten ließ, nur zu schreiben aufhörte, um dann noch fast zwanzig Jahre eine im Ganzen eher miserable Existenz zu führen: durch Europa vagabundierend zuerst, später als Angestellter kolonialer Comptoirs mit aufflackernden, doch immer schnell erstickten Ausbruchsversuchen. Schließlich der Knochenkrebs, der ihn mit siebenunddreißig Jahren unter die Erde brachte und der Gefahr zuvorkam, dass er sich am Ende doch noch in sein Werk einmischte, für dessen Ruhm die Freunde und Bewunderer sorgten.

          Der Heilige der literarischen terreur

          Das Schweigen blieb intakt, und damit gab es alle Möglichkeiten, sich Figur wie Texte anzueignen. So wurde Rimbaud der Heilige der literarischen terreur, für die es den Ausbruch aus den Formen der gängigen Sprache braucht, um zum unverstellten Ausdruck zu finden; oder gleich zu Vision und Tat jenseits aller Literatur, die gerade den höchsten Anspruch der Dichtung bestätigen. Aber Rimbaud ist seitdem auch der Engel im Exil - verewigt in Étienne Carjats Fotografie des Siebzehnjährigen von 1871 - und der Dämon, der Märtyrer und der Gekreuzigte, der Rebell und der Mystiker, der Seher und der Prophet, der Symbolist, Kommunist und Proto-Surrealisst, der Gott der Pubertät und der poète maudit, der Verkünder der Revolution und einer neuen Menschheit und der Anarchist, der Outcast und der Prinz der modernen Poesie, der Lästerer und der Gottsucher, den gerade seine Blasphemien auf dem wahren christlichen Weg zeigen, zum unbekannten Anderen hin, das immer in der Ferne liegt.

          Die wohl berühmtste unter den wenigen Fotografien von Arthur Rimbaud: Étienne Carjats 1871 entstandenes Porträt

          Mit anderen Worten: Rimbaud ist eine ganze Menge auf einmal. Vor sechzig Jahren schon blätterte ein Literaturprofessor diese Facetten der Wirkungsgeschichte im Detail hin. "Der Mythos Rimbaud" hieß René Etiembles dreibändiges Werk, wobei Wunsch und Wille des Autors waren, solcher in seinen Augen fahrlässigen Mythisierung den Garaus zu machen, woraus natürlich nichts wurde - ganz im Gegenteil, denn fast gleichzeitig begann mit der großen Pariser Ausstellung zum hundertsten Geburtstag 1954 erst eigentlich die populäre Geschichte des sezierten Mythos über das literarische Feld hinaus.

          Absolut modern

          Umrisse dieser Wirkungsgeschichte, die Rimbaud zur Ikone in den verschiedensten kulturellen Registern machte, führt eine Pariser Ausstellung schön vor Augen: "Rimbaudmania". Claude Jeancolas, der sie konzipierte, versteht sich ganz als Mythograph. Wie in einer braven Literaturausstellung geht es los, mit Autographen und Editionen, aber dann wird schnell klar, dass man es eben mit einem "besonderen, ganz außergewöhnlichen Fall" (Proust) zu tun hat. Um die wenigen zu Lebzeiten entstandenen Bilder legen sich die unzähligen anderen: von Picassos Carjat-Variation bis zur Street Art, über einen hart an der Kitschgrenze operierenden "Saison-en-enfer"-Zyklus von Robert Mapplethorpe, der sich auch in die Reihe der Aneignungen von homosexueller Seite reihen lässt, ein fotografisches Rimbaud-Reliquiar von Patti Smith oder David Wojnarowicz' in New York herumlungernde junge Männer, die Rimbaud-Masken mit Carjats Porträt tragen.

          Die Musik kommt hinzu - Chansons, Klassisches, Oper, Pop, Rock -, das Theater, Tanz, das Kino natürlich und nicht zu vergessen die Comics, bevor Produktdesign von Unterwäsche bis zum Porzellan und eine Auswahl von Youtube-Videos den Parcours beschließen. Naturgemäß begegnet man dabei auf Schritt und Tritt dem Ich, das ein Anderer ist; und man kann noch einmal verwundert feststellen, wie leicht sich der Slogan von der Unumgehbarkeit, modern zu sein, von seinem eher resignativ getönten Sinn bei Rimbaud lösen ließ. Aber bei absolut moderner Mythologie darf man es so genau nun einmal nicht nehmen. Wem sich nicht gleich erschloss, warum die unlängst entdeckte Fotografie aus den späteren Jahren für so viel Aufsehen sorgte - in dieser Ausstellung wird es klar.

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