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Reinhard Selten : Rationalität und Spiel

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Die ökonomische Spieltheorie hieß lange Zeit fast zu Unrecht so. Denn die allermeisten Spiele, die sie untersuchte, musste man nach ihren Untersuchungen gar nicht mehr spielen. Die optimale Strategie und das Ergebnis standen schon fest.

          Die ökonomische Spieltheorie hieß lange Zeit fast zu Unrecht so. Denn die allermeisten Spiele, die sie untersuchte, musste man nach ihren Untersuchungen gar nicht mehr spielen. Die optimale Strategie und das Ergebnis standen schon fest. Allenfalls dass empirische Spieler zu beschränkt waren, um beides zu verwirklichen. Auch Reinhard Selten begann seine wissenschaftliche Arbeit im Kontext dieser Theorie von Ableitungen rationalen Spielverhaltens, das ebendarum das Spielen weitgehend durch das Rechnen ersetzte. Das Flüchtlingskind aus Breslau, dessen "halbjüdische" Abstammung schon mit vierzehn Jahren das Ende seiner Schulzeit im NS-Staat bedeutete, kam erst 1946 wieder, im hessischen Melsungen, aufs Gymnasium. Den stundenlangen Schulweg brachte es mit inwendiger Mathematik zu. In Frankfurt studierte Selten dann auch die auswendige und kam auf diesem damals noch ungewöhnlichen Weg zur Ökonomie.

          Aber was heißt hier Ökonomie? Besteht die Wirtschaft aus Spielen zwischen Leuten, die nicht miteinander kommunizieren? Seltens erste Arbeiten sind viel besser durch den allgemeineren Begriff der "Entscheidungstheorie" beschrieben. Sie beschäftigen sich mit Fragen wie der, unter welchen Umständen Akteure miteinander konkurrieren oder nicht vielmehr ein Kartell bilden, um gemeinsam die Kundschaft auszunehmen. Oder mit der, unter welchen Umständen die Androhung von Konkurrenzbereitschaft (beispielsweise Preiskampf) genügt, um Eintritte auf die Arena abzuschrecken.

          Früh hat sich Selten dabei nicht nur für die Berechnung solchen Verhaltens, sondern für seine experimentelle Überprüfung interessiert. Denn es mag ja sein, dass eine Strategie rational ist. Aber wird sie deshalb schon ergriffen? Die Formel von der "begrenzten Rationalität" des amerikanischen Entscheidungstheoretikers Herbert A. Simon hat Selten so aufgefasst, dass die Leute nie alles durchrechnen können. Ob sie es würden, selbst wenn sie es könnten, führt zur Frage zurück, ob es eine Präferenz für echte, unausgerechnete Spiele gibt. Man hat ja schon von Managern gehört, die strategische Klarheit zu Recht als Beeinträchtigung ihrer Persönlichkeit empfinden.

          Als Selten nach zwölf Jahren an der Universität Bielefeld, seinem zweiten Lehrstuhl nach einem in Berlin von 1969 bis 1972, an die Universität Bonn wechselte, war jedenfalls das Laboratorium für experimentelle Wirtschaftsforschung, das man ihm dort finanzierte, der Grund. Hier sind seitdem Hunderte von spieltheoretischen Thesen dem Test an Studenten ausgesetzt worden. Die Ökonomie hätten demzufolge nicht so sehr Mathematik als vielmehr Psychologie zum Grundlagenfach. Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, den Selten 1994 als bislang einziger Deutscher zusammen mit John Nash und John Harsanyi erhielt, wurde ihm allerdings nicht dafür verliehen. Sondern für seine Beweise und Deduktionen in der Welt vollkommener Rationalität. Am Dienstag wird Reinhard Selten achtzig Jahre alt. JÜRGEN KAUBE

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