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: Rauhe Winde wehen von Westen

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In den Trümmern des Alten Sommerpalasts bei Peking, den britische und französische Truppen 1860 verwüsteten, steht jetzt der Hongkonger Kungfu-Star Jackie Chan und singt das Lied "Staat": Mit Galashows, Ausstellungen, Konferenzen ...

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          PEKING, 26. Oktober

          In den Trümmern des Alten Sommerpalasts bei Peking, den britische und französische Truppen 1860 verwüsteten, steht jetzt der Hongkonger Kungfu-Star Jackie Chan und singt das Lied "Staat": Mit Galashows, Ausstellungen, Konferenzen und internationalen Appellen erinnert sich die Stadt in diesen Tagen an ein Ereignis, das wie kaum ein anderes für die unterschiedlichen Geschichtserzählungen steht, die China und den Westen voneinander trennen. Ironischerweise war der Palast im achtzehnten Jahrhundert vom Qianlong-Kaiser als multikulturelle Phantasie avant la lettre gebaut und mit zahlreichen europäischen Architekturversatzstücken versehen worden; Chen Mingjie von der Parkverwaltung nennt den Ort ein "Symbol der Inklusivität", das heute der ganzen Welt gehöre.

          Doch die fürs Außenpolitische zuständige KP-Zeitung "Global Times" setzt einen anderen Akzent. Eine Demütigung wie damals, die den Beginn des langen Abstiegs des Reichs der Mitte markierte, könne sich wegen der Stärke des chinesischen Militärs heute nicht mehr wiederholen; aber die alten Mächte hätten nicht damit aufgehört, andere Länder geistig überwältigen zu wollen: "Der Westen versucht immer noch, China ideologisch zu provozieren."

          In Wirtschafts- und Klimadebatten kehrt die Kriegsmetaphorik zurück

          Das war eine unverhohlene Anspielung auf den Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo, den die chinesischen Staatsmedien als Versuch denunzieren, dem Land die westlichen Werte aufzuzwingen. Aber das ist nicht das einzige Feld, auf dem sich das offizielle China zur Zeit vom Westen herausgefordert fühlt. Während die europäische und amerikanische Öffentlichkeit eine zunehmende Aggressivität im Pekinger Ton festzustellen meint, sieht sich China seinerseits rauheren Winden aus dem Westen ausgesetzt. Eben hatte der amerikanische Präsident die Beziehungen noch auf die Ebene eines entspannten Townhall-Meetings mit Schanghaier Studenten bringen wollen, und Hollywood ließ in dem Endzeitfilm "2012" findige Chinesen die Welt retten. Nun aber spricht man von einem "Währungskrieg", in der Klimafrage sind die Standpunkte weiter verhärtet, und im Streit übers Internet hat sich die amerikanische Außenministerin unzweideutig auf die Seite von Google geschlagen.

          Und wieder scheint sich die Lage im Kino zu spiegeln. Hollywood hat mit dem Film "Red Dawn" das Remake eines Werks aus dem Kalten Krieg produziert, in dem statt der Sowjets nun die Chinesen Amerika besetzen. Der Kinostart ist auf unbestimmte Zeit verschoben, doch schon im Sommer erregte das Projekt die chinesische Presse, die von einer Dämonisierung des Landes sprach und von einer "Aussaat der Feindschaft". Bemerkenswert ist, dass der Kriegsgrund im Film kein ideologischer mehr ist, sondern die Verflechtung der Globalisierung: Die Okkupation ereignet sich, weil die amerikanische Wirtschaft, von der China abhängig ist, den Bach runtergeht, und die Volksrepublik den westlichen Kapitalismus nun selbst in die Hand nehmen will.

          Peking reagiert auf die neuen Konfrontationen mit einer bemerkenswerten Gespaltenheit. Was die Finanzmärkte und die internationalen Beziehungen betrifft, lässt es die westlichen Erwartungen immer häufiger am Verweis auf seine eigenen Interessen abprallen. Diese Kategorie kann jedoch offenkundig auch als Element der Rationalität fungieren, das China mit der Welt verbindet: Nachdem es klargemacht hatte, dass es bezüglich seiner Währung oder seiner Klimapolitik keinem äußeren Druck willfahren werde, kündigte China eine langfristige Aufwertung des Yuan und einschneidende Umstrukturierungen seiner Industrie zur CO2-Reduzierung an - ganz im eigenen Interesse. In der Sache verschließt sich Peking auf solchen Feldern dem internationalen Diskurs also weniger, als es selbst den Anschein erwecken will.

          Das gilt auch und gerade dann, wenn das Land eine globale Perspektive für sich in Anspruch nimmt, von der aus es dem Westen seine eigene Interessengebundenheit in Erinnerung zu rufen sucht. Chinesische Regierungsberater pflegen da von einer "Demokratisierung der internationalen Beziehungen" zu reden und mahnen generell zur Gelassenheit: "Wir sollten nicht nach dunklen Machenschaften hinter den internationalen Systemen Ausschau halten, sondern daran arbeiten, sie zu verändern", schreibt der Politikwissenschaftler Ren Jiantao von der Pekinger Renmin-Universität. Han Xudong von der Universität der Volksbefreiungsarmee findet, es sei das strategische Ziel der Vereinigten Staaten, die Entwicklung Chinas zu leiten und dadurch zu verlangsamen: "Wir sollten die amerikanischen Aktionen deshalb genau beobachten". Aber er warnt vor generellem Misstrauen. In diesem Sinn mahnt auch die "Global Times": "China sollte kühlen Kopf bewahren, weil im Zuge seines Aufstiegs Druck von außen unvermeidlich ist."

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